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Einsamkeit

 

Solitude
Jean-Jacques Henner (1829-1905)


 

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Einsamkeit

Hoffnung und Skepsis

Die Hoffnung und die Skepsis begegneten sich zufällig.
Ich habe gehofft, sagte die Hoffnung zur Skepsis, dass ich dich eines Tages treffen würde.
Ich habe es befürchtet, entgegnete die Skepsis und ergriff die Flucht.
Warum hast du Angst vor mir?,
rief die Hoffnung ihr enttäuscht hinterher, aber sie bekam keine Antwort.

Hans Kruppa (*1952) deutscher Dichter, Schriftsteller

 

Siehe auch: ► Hoffnung und ► Skeptizismus

Angst vor dem Unbekannten


Haustür, Isfahan, Iran

 

            Die schwarze Tür zur Freiheit            

 

Ein Minister hatte seinem König lange Jahre treu gedient. Eines Tages aber wurde er wegen Hochverrats angezeigt und überführt, ihn erwartete die Todesstrafe. Der König gewährte ihm wegen seiner langjährigen Dienste die Gnade, seine Todesart zu wählen. Er führte ihn in einen Saal, wo die Hinrichtungswaffen lagen. Dort zeigte er ihm auch eine schwarze Tür. Der Minister wählte eine der Todesarten. Die Königin fragte danach, was denn hinter der schwarzen Tür sei?
Der König antwortete:
"'Das große weite Land der Freiheit. Da die Menschen Angst haben vor dem Unbekannten, öffnen nur ganz wenige die schwarze Tür."'

 

Quelle: ► Hildegunde Wöller (*1938) deutsche evangelische Theologin, kirchliche Rundfunkredakteurin,
Lektorin, Autorin, Meine Uhr geht nach dem Mond, S. 23, Kreuz-Verlag, Mai 1986
Siehe auch: ► Angst

Zündholz und Kerze – das Wagnis des Leuchtens

         Die Angst der Kerze          

 

Es kam der Tag, da sagte das Zündholz zur Kerze:


Brennende Kerze im Kerzenständer
Ich hab den Auftrag, dich anzuzünden.
Oh nein, erschrak die Kerze, nur das nicht. Wenn ich brenne, sind meine Tage gezählt.
Niemand mehr wird meine Schönheit bewundern.

Das Zündholz fragte:

Willst du denn das ganze Leben lang kalt und hart bleiben, ohne zuvor gelebt zu haben?
Aber brennen tut doch weh und zehrt an meinen Kräften, flüsterte die Kerze unsicher und voller Angst.

Es ist wahr, sagte das Zündholz,

Und genau das ist das Geheimnis der Berufung. Du und ich sind berufen, Licht zu spenden. Was ich als Zündholz tun kann, ist wenig. Zünde ich dich jedoch nicht an, vergesse ich den Sinn meines Lebens. Ich bin vorgesehen dafür, Feuer zu entfachen. Du bist eine Kerze und kannst leuchten und Wärme zu schenken. Alles was du an Wut, Schmerz, Leid und Kraft (hin)gibst, wird sich in Licht verwandeln. Du gehst nicht verloren, wenn du dich verzehrst. Andere werden dein Feuer weitertragen. Wenn du dich jedoch versagst, bleibst du leblos, bleibt dein Potenzial verborgen.

Da spitzte die Kerze ihren Docht und bat mutig:

BITTE ZÜNDE MICH AN.

 

Quelle: ► Zeit zu leben

Zwei Arten von Wölfen

 

Ich kenne zwei Arten von Wölfen:
die Rudeltiere und die einsamen Wölfe.

 

Die Einsamen sind entweder Verstoßene oder Verlorene.

 

In die Einsamkeit verstoßen wird ein Wolf, wenn es eine Schuld abzutragen gilt –
nicht unbedingt seine eigene.

 

Verloren geht ein Wolf durch Unachtsamkeit
nicht unbedingt seine eigene.

 

Wenn zwei einsame Wölfe einander begegnen, werden sie versuchen,
einander zu besiegen, oder einander zu trösten, oder sie weichen einander aus.

 

Daran kann man erkennen, ob es sich um zwei Verstoßene handelt,
um zwei Verlorene, oder um einen von jeder Sorte.

 

Denn Verstoßene und Verlorene weichen einander aus:
neben ihrer Einsamkeit ist wenig, das sie verbindet.

 

Die Verlorenen haben nur dann eine Chance, sich und die Ihren wiederzufinden,
wenn es ihnen gelingt, ihr Selbstmitleid zu überwinden.

 

Die Verstoßenen haben nur dann eine Chance, sich und die Ihren wiederzufinden,
wenn sie den Schmerz des Verstoßenseins ohne Groll auf sich nehmen.

 

Verlorene, die so tun, als hätten sie ihr Selbstmitleid überwunden,
werden dafür auch noch verstoßen: sie sind die eigentlichen Verstoßenen.

 

Verstoßene, die ihren Groll nicht überwinden, sondern unterdrücken,
gehen sich dadurch selber verloren: sie sind die eigentlichen Verlorenen.

 

Alle diese Wölfe sind gefährlich:
* die Verstoßenen wegen ihres Grolls,
* die Verlorenen, weil sie lügen,
* und die Rudeltiere, weil sie sich hinter den anderen verstecken.

 

Aber ich stelle mir ein Rudel Wölfe vor, ein Rudel von Ausgestoßenen und Verlorenen,
die zueinander gefunden und gelernt haben, miteinander zu leben.

 

Das muss besonders schön sein: denn, wer die Einsamkeit überwunden hat,
wird mit der Gemeinsamkeit sorgsamer umgehen.

 

Quelle: ► George Pennington, britisch-deutscher Psychologe, Trainer, Konfliktlösungscoach, Autor, Ende der 90iger Jahre

Zitate zum Thema Einsamkeit / Loneliness

Zitate allgemein

Einsichten

  • Einsamkeit und das öffentliche Eingeständnis von Einsamkeit ist das größte Tabuthema der Welt. Vergiss Sex oder Politik oder Religion. Ja sogar Niederlagen. Sprich von Einsamkeit und du bist allein im Raum. Douglas Coupland (*1961) deutschstämmiger kanadischer bildender Künstler, Schriftsteller, Roman Miss Wyoming, Random House, Kanada, Januar 2000
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Auf der Schwelle zur Individuation und mutigen Integrität

  • Der erste Schritt zur Individualität ist die Ablösung des Einzelwesens von der Ununterschiedenheit und Unbewusstheit der Herde. Es ist die Vereinsamung des reifen Menschen, der nicht mehr von den Werturteilen seiner Umwelt abhängt, sondern in seiner Beziehung zum Selbst fest verankert ist. Carl Gustav Jung (1875-1961) Schweizer Psychiater, Psychoanalytiker, Gründer einer Schule der analytischen Tiefenpsychologie

 

  • Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schicksal den Menschen zu sich selber führen will. Hermann Hesse (1877-1962) deutsch-schweizerischer Dichter, Schriftsteller

 


Stilleben mit Obst, Maus und Eisvogel,
Georg Flegel (1566-1638)

 

  • In jedem Menschen findet sich ein Teil der Einsamkeit, die keine menschliche Vertraulichkeit ausfüllen kann. Dort ist es, wo Gott uns begegnet. Frère Roger Schutz (1915-2005) Schweizer Mönch, Gründer und lebenslanger Prior des internationalen ökumenischen Männerordens Gemeinschaft von Taizé in Frankreich (*1940)

 

  • Das Durchleben der Einsamkeit ist eine Möglichkeit, sich mit sich selbst zu identifizieren und Liebe und Staunen für das Wunder des Lebens zu empfinden Clark Moustakas (*1923) führender US-amerikanischer humanistischer und klinischer Psychologe, Mitgründer der Association for Humanistic Psychology und des Journal for Humanistic Psychology

 

  • Ich will lernen, gegen die Sinnlosigkeit anzuleben. Der Sprachlosigkeit will ich Worte verleihen und der Taubheit ein offenes Ohr. Der Blindheit will ich die Augen öffnen und zu den Lähmungen sprechen: Steht auf!
    Dem schnellen Vergessen will ich Erinnerungen schenken, und der Gleichgültigkeit will ich Worte verschaffen, die etwas gelten in der Welt. Auf dem Acker der Lieblosigkeit will ich Rosen pflanzen und die Ziellosigkeit eines jeden Tages am Ende des Regenbogens verankern.
    Der Beziehungslosigkeit will ich Fäden spinnen und der EINSAMKEIT fremde Türen öffnen. Der Kälte will ich feurige Kohlen geben, und der Trostlosigkeit will ich ein Lächeln schenken, verborgen und heimlich vor dieser Welt. Die Ausweglosigkeit will ich mit Hoffnungsspuren durchkreuzen, und die gähnende Leere will ich nach langem Schlaf zu vollem Leben erwecken. Dr. phil. Christa Spilling-Nöker, deutsche evangelische Pfarrerin, Pädagogin, Tiefenpsychologin, Autorin

Literaturzitate

  • Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise;
    Gesellschaft braucht der Tor, und Einsamkeit der Weise.
    Friedrich Rückert [Freimund Raimar] (1788-1866) deutscher Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer und chinesischer Dichtung, Lyriker, Die Weisheit des Brahmanen, XVI-I, 6, 1836-1839, Wallstein Verlag, Göttingen, 1998, Anaconda, 1. Januar 2007

 

  • Seltsam im Nebel zu wandern!
    Leben ist Einsamsein.
    Kein Mensch kennt den andern,
    Jeder ist allein.
    Hermann Hesse (1877-1962) deutsch-schweizerischer Dichter, Schriftsteller, November 1905, Erzählband Diesseits, 1907, Erzählungen. Eine Flussreise im Herbst, S. 57-58, Berlin 1954

Zitate von Hans Jürgen Schultz

Zitate aus: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.), Einsamkeit, Kreuz-Verlag, Stuttgart, 1980, Neuauflage Februar 1994

 

  • Der Standesunterschied unter Gemütskranken blieb gewahrt: In den niederen Schichten war man trübsinnig, in den mittleren tiefsinnig, in den höheren war man melancholisch. Manès Sperber (1905-1984) österreichisch-französischer Schriftsteller, Sozialpsychologe, Philosoph; zit.: S. 18

 

  • Einsamkeit macht einen wesentlichen Teil unseres Menschseins: nämlich das Bewusstsein der Einmaligkeit unserer Individualität, die unvermeidlich immer auch Einsamkeit bedeutet; vor dieser zu fliehen, hieße Flucht in die Scheinsicherheit kollektiver Angepasstheit. Fritz Riemann (1902-1979) deutscher Psychologe, Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Astrologe, Autor; zit.: S. 33

 

  • Und die schlimmste Erfahrung, dass es keine größere Sünde im politischen Geschäft gibt, als eigene Fehlentscheidungen öffentlich bekanntzumachen und damit auszusprechen, dass auch andere, die alles angeblich immer richtig gemacht haben, die gleichen Fehler begehen. Heinrich Albertz (1915-1993) deutscher Politiker (SPD), evangelischer Theologe, Pastor, Senator und Bürgermeister von Berlin (1966-1967); zit.: S. 40

 


Europäischer Wolf, Bayerischer Wald Nationalpark, Deutschland
  • Ich hatte nichts weiter getan, als gesagt, was richtig war. Aber dies darf man in solcher Situation nur tun, wenn es einem vorher erlaubt worden ist. Ich legte mein Mandat nieder. Heinrich Albertz (1915-1993) deutscher Politiker (SPD), evangelischer Theologe, Pastor, Senator und Bürgermeister von Berlin (1966-1967); zit.: S. 40

 

  • Man kann zur Unperson werden, wenn man unbequem ist. Heinrich Albertz (1915-1993) deutscher Politiker (SPD), evangelischer Theologe, Pastor, Senator und Bürgermeister von Berlin (1966-1967); zit.: S. 41

 

  • Alleingelassen zu werden ist ein Preis, der gezahlt werden muss, aber er ist nicht zu hoch. Ich sage sogar, er ist nötig und nützlich, weil er im Ergebnis viele Einzelne aus ihrer Einsamkeit herausführen kann. Heinrich Albertz (1915-1993) deutscher Politiker (SPD), evangelischer Theologe, Pastor, Senator und Bürgermeister von Berlin (1966-1967); zit.: S. 42

 

  • Abweichend denken und handeln, ein Dissident zu sein,
    bedeutet räumliche Isolierung – plötzlich stehen alle auf der anderen Seite;
    es bedeutet zeitliche Isolierung;
    du bist ja von vorgestern, es bedeutet geistige Isolierung – du hast ja die Sachzwänge und Gesetzmäßigkeiten gar nicht verstanden;
    aber das Schlimmste ist die emotionale Isolierung – du machst dich doch nur lächerlich. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 47

 

  • Anpassung heißt ja immer, sich an das Mittelmaß anpassen: Wenn man sich so verhält wie die konventionellsten, dümmsten und feigsten Vertreter der Wissenschaft an einer deutschen Universität, dann ist man unauffällig und tragbar. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 48

 

  • Viele, die flott auf der Tendenzwende einhersegeln, können sich andere als opportunistische Motivationen gar nicht vorstellen. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 50

 

  • Alleinsein zu können gehört zur menschlichen Würde. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 51

 

  • Unberührbarkeit, Maskenhaftigkeit ist in unserer Welt ein bekanntes und verabredetes Zeichen des guten Funktionierens. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 52

 

  • Wer aus Angst vor Vereinsamung die Traurigkeit flieht, wird erst recht von ihr eingeholt und unter ihrem Gewicht begraben. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 53

 

  • Die Fähigkeit, sich zu binden, und die Fähigkeit zur Einsamkeit gehören zusammen; es ist in der Tat so, dass Einsamkeit uns nicht zerstören kann, wenn sie auf dem Grunde einer tiefen und unbeirrbaren Verbundenheit mit dem Leben erwachsen ist. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 53-54

 

  • Einsamkeit, sei sie zwangsauferlegt oder selbstgewählt, unterscheidet sich nach dem Grad der Verbundenheit mit dem Leben. Je unverbundener wir mit allem sind, um so eher ist unsere Traurigkeit eine zum Tode, ihr Schmerz isoliert uns noch mehr, er kann wie ein Panzer benutzt werden. [...] Der Narr um Christi willen ist einsam, weil er verbunden ist. Dorothee Sölle (1929-2003) deutsche evangelische feministische Befreiungstheologin, Pazifistin, Referentin, Schriftstellerin; zit.: S. 55

 

  • [Die ursprüngliche Ableitung des Begriffs 'das Heilige'] enthält sowohl die Richtung ins transzendent Höchste wie die umgekehrte des zu Tode Betrübt- und Verstossenseins. In der Symbolik des Christentums und anderer Religionen gehört zu ihm das »Niedergefahren zur Hölle« vor dem »Aufgestiegen gen Himmel«. Eckart Wiesenhütter, deutscher Professor für Psychiatrie und Neurologie, Universität Tübingen, seit 1965; zit.: S. 78

 


Eisvogel im Schwebeflug
  • Die Flucht der Einsamen an die Öffentlichkeit, die Bekenntnisse ihrer Verletztheit, Verzweiflung und Ratlosigkeit decken die Lebenslüge auf, mit der so mancher Isolierte lebt, indem er sich vormacht, er werde mit seiner inneren Verlassenheit gut fertig, obwohl sie ihn doch in Wahrheit bis in die Träume hinein quält. Robert Jungk (1913-1994) deutscher Pionier-Zukunftsforscher Publizist, Journalist, Empfänger des Right Livelihood Award, 1986; zit.: S. 132

 

  • Horst Eberhard Richter hat überzeugend gezeigt, wie die Angst vor Trennung und Isolation genau jener schwächste Punkt der Persönlichkeit ist, an dem die Verführer einhaken. Robert Jungk (1913-1994) deutscher Pionier-Zukunftsforscher Publizist, Journalist, Empfänger des Right Livelihood Award, 1986; zit.: S. 133

 

  • Mit Phasen- und Zeitverschiebungen ergreifen die Konflikte, welche die offizielle Gesellschaft aus dem Bedürfnis nach Selbstentlastung nur allzu bereitwillig auf die junge Generation projizieren möchte, alle Altersstufen. Die sogenannte Midlifekrise, Sinnlosigkeitsverdacht auf der Passhöhe des Erfolgs, oder Vereinsamung und Zerbrechen des Selbstwertgefühls im Alter machen es zunehmend schwierig, Randgruppen und deren Probleme nur am Rande der Gesellschaft zu suchen. Sie liegen vielmehr in ihren Kernbereichen, und das macht wesentlich den Typus der Krise aus, mit dem wir es heute zu tun haben. Oskar Negt (*1934) deutscher Sozialphilosoph; zit.: S. 143

 

  • Lautet das Motto: Aut Caesar, aut nihil (Entweder Cäsar oder gar nichts), so schwindet das Motiv einer objektbezogenen, konfliktreichen Auseinandersetzung mit der Realität, und die ursprünglichen Symbiosebedürfnisse mit der damit einhergehenden schwach ausgebildeten schwach ausgebildeten Ich-Identität treten in den Vordergrund. Oskar Negt (*1934) deutscher Sozialphilosoph; zit.: S. 146

 

  • Die Anerkennung der Person – so, wie sie ist, und nicht, was sie hat oder leistet – verläuft über den schmalen Grat der Beziehungen und erzeugt, wo sie in Frage gestellt wird, Angstzustände, Phobien, die kein Realobjekt mehr haben. Oskar Negt (*1934) deutscher Sozialphilosoph; zit.: S. 146

 

  • Das Problem, das ungelöst ist, aber immer stärker auf Lösungen drängt, ist nicht die Abkapselung der Jugend von der Gesellschaft, sondern der Gesellschaft von der Jugend. Oskar Negt (*1934) deutscher Sozialphilosoph; zit.: S. 147

 

  • Die vier Krisen der Einsamkeit in der Zweisamkeit sind meist klar zu erkennen.
    1. Die erste Krise besteht in der Enttäuschung, dass kein Partner jemals die Erwartungen erfüllen kann, die zu seiner Wahl geführt haben.
    2. Die zweite Krise entsteht in der Angst, nicht über den Schatten der eigenen Vergangenheit springen und sich selbst so ändern zu können, dass die Gemeinsamkeit sich vertiefen würde.
    3. Die dritte Krise entwickelt sich aus der Verzagtheit, Hoffnungslosigkeit und Depression, ein fortbestehendes Zerwürfnis und einen sich vertiefenden Mangel an wirklicher Nähe und Intimität nicht überbrücken zu können – ein Einsamkeitserlebnis, das oft in verzweifelter Selbstaufgabe und ernster Krankheit oder in Flucht aus der Ehe endet.
    4. Die vierte und letzte Krise der Einsamkeit in einer Partnerschaft entsteht, wenn es unmöglich wird, gemeinsam alternd im Rückblick auf das gelebte und ungelebte Leben sich gegenseitig im Gespräch Rechenschaft zu geben, die eine neue, tiefere Gemeinsamkeit des Alters bis zum Tod schenken könnte. Tobias Brocher (1917-1998) deutscher Psychoanalytiker, Sozialpsychologe, Gruppentherapeut; zit.: S. 166

 

  • Gefühle, die man sich verbieten muss, rächen sich. Mit dem Verlust der Erinnerung an Gefühle geht auch der Verlust des inneren Gedächtnisses Hand in Hand. Christa Wolf (*1929) deutsche Schriftstellerin, Kindheitsmuster; zit.: S. ?

 

  • Nur wenn in unserer Gesellschaft sich der Jugendlichkeitskrampf langsam zu lösen vermag, sich die über Vierzigjährigen mit ihrem Älterwerden versöhnen und den damit einhergehenden Problemen und neuen Lebensgefühlen konfrontieren können, besteht meines Erachtens eine Chance für weniger Destruktivität durch zu viel Rivalität und weniger Depression durch zu viel Selbstentwertung. Margarete Mitscherlich-Nielsen (*1917) deutsche Psychoanalytikerin, Medizinerin, Autorin; zit.: S. 208

 

  • Das Erwachsenwerden ist mit Recht auch als lebenslanger Trauerprozess beschrieben worden. Denn immer wieder gilt es, sich von etwas zu lösen und sich in den verschiedenen Phasen des Älterwerdens mit seiner Einsamkeit auseinanderzusetzen. Margarete Mitscherlich-Nielsen (*1917) deutsche Psychoanalytikerin, Medizinerin, Autorin; zit.: S. 215

 

  • Der Tod ist schweigsam. Er verschlägt uns die Sprache. Nur wenn wir gegen ihn anreden, nur wenn wir den Dialog mit den Toten in uns fortsetzen, bleibt etwas, was er uns nicht nehmen kann. Hans Jürgen Schultz (*1928) deutscher Rundfunkjournalist; zit.: S. 239

General quotes

Personal avowals

 

  • As a child I felt myself to be alone, and I am still, because I know things and must hint at things which others apparently know nothing of, and for the most part do not want to know. Loneliness does not come from having no people about one, but from being unable to communicate the things that seem important to oneself, or from holding certain views which others find inadmissible. The loneliness began with the experiences of my early dreams, and reached its climax at the time when I was working on the unconscious. Carl Gustav Jung (1875-1961) Swiss psychiatrist, psychoanalytist, founder of a new school of depth psychology, author, autobiography Memories, Dreams, Reflections, S. ?, Fontana Press, 1961, reissued edition 6. March 1995

 

  • I am alone, but I fill my solitariness with my life. I am man enough. I am noise, conversation, comfort, and help enough unto myself. Carl Gustav Jung (1875-1961) Swiss psychiatrist, psychoanalytist, founder of a new school of depth psychology, author, Sonu Shamdasani, Indian historian, editor, The Red Book [Liber Novus], 205-page illustrated manuscript, S. 277, Philemon Series, The Philemon Foundation & W.W. Norton & Co. Publication, 9. October 2009

 

  • I personally think that most depression has its roots in loneliness, but that the medical professionals are a lot more comfortable calling it 'depression' than calling it 'loneliness.' Video presentation by Patch Adams, M.D. (*1945) US American physician, social activist, citizen diplomat, author, Conferenza con Patch Adams, presented by Arcoiris.TV, Reggio Emilia, 27. March 2008, minute 4:48, 1:00:12 duration, posted via Google 25. January 2009

 

  • From childhood's hour I have not been as others were. I have not seen as others saw. Edgar Allan Poe (1809-1849) US American editor, literary critic, neurotic poet, romantic author, Alone, poem

 

Recommendations

 


Morning dew drops in a spiderweb
  • Be a loner. That gives you time to wonder, to search for the truth. Have holy curiosity. Make your life worth living. Albert Einstein (1879-1955) German-born US American theoretical physicist, developer of the theory of general relativity, Nobel laureate in physics, 1921, cited in: William Hermanns, Einstein and the Poet. In Search of the Cosmic Man, S. 142, 1983

 

  • Be strong enough to stand alone,
    smart enough to know when you need help,
    and brave enough to ask for it.
    WomenWorking.com, Ziad K. Abdelnour, date unknown

 

Insights

  • If you never think of your soul but confine it to some vague region of spiritual fantasy, you squander an infinite energy at the heart of your life. Once you awaken to your soul, you know that you are no longer alone; nor are you at the mercy of your own frailty and limitation. Awakening to your soul, you begin to learn another way of being in the world […]. [T]he silence of landscape conceals vast presence […]. [T]he earth is full of soul. […] [S]olitude is luminous.
    When you cease to fear your solitude, a new creativity awakens in you. Your forgotten or neglected wealth begins to reveal itself. You come home to yourself and learn to rest within. Thoughts are our inner senses. Infused with silence and solitude, they bring out the mystery of inner landscape. John O'Donohue johnodonohue.com (1956-2008) Irish priest, Hegelian philosopher, storyteller, poet, author, Anam Cara. A Book of Celtic Wisdom, Harper Collins, 21. October 1998

 

  • The happiness of solitude is not found in retreats. It may be had even in busy centres. Happiness is not to be sought in solitude or in busy centres. It is in the Self. Sri Ramana Maharshi (1879-1950) Indian Hindu sage, saint, source unknown

 

  • Solitude is the place of purification. Martin Buber (1878-1965) Austrian-born Jewish religious philosopher, source unknown

 

  • An old alchemist gave the following consolation to one of his disciples: 'No matter how isolated you are and how lonely you feel, if you do your work truly and conscientiously, unknown friends will come and seek you.' Carl Gustav Jung (1875-1961) Swiss psychiatrist, psychoanalytist, founder of a new school of depth psychology, author, Gerhard Adler editor, Aniela Jaffe, editor, Letters, Vol. 2. 1951-1961, Princeton University Press, Bollingen series XCV:2, S. 595, 1975, 1. April 1976

 

  • It is easy in the world to live after the world's opinion;
    it is easy in solitude after our own;
    but the great man is he who in the midst of the crowd keeps with perfect sweetness the independence of solitude.
    Ralph Waldo Emerson (1803-1882) US American philosopher, Unitarian, lecturer, poet, essayist, essay Self-Reliance, 1841, 2nd edition 1847

 

 

  • The worst loneliness is not to be comfortable with yourself. Mark Twain [Samuel Langhorne Clemens] (1835-1910) US American Freemason, humorist, author, source unknown

 

  • The worst solitude is to be destitute of sincere friendship. Francis Bacon (1561-1626) English philosopher, statesman, scientist, lawyer, jurist, pioneer of the scientific method, author, source unknown

 

 


Hibiscus flower covered with dew
  • "To be without a reference point is the ultimate loneliness. It is also called enlightenment." [...]
    Usually we regard loneliness as an enemy. Heartache is not something we choose to invite in. It’s restless and pregnant and hot with the desire to escape and find something or someone to keep us company. When we can rest in the middle, we begin to have a nonthreatening relationship with loneliness, a relaxing and cooling loneliness that completely turns our usual fearful patterns upside down. Pema Chödrön [Deirdre Blomfield-Brown] (*1936) US American Tibetan Buddhist nun (*1981), teacher in the Shambhala Buddhist lineage of Chögyam Trungpa, author, Six Kinds of Loneliness, S. 2 of 6, first published January 2013, reissued by Buddhist magazine Lion's Roar, 29. November 2016

 

  • The ability to bond and the ability to remain solitary are interrelated; indeed, solitude that has emerged from the bottom of a deep and unswerving closeness to life cannot destroy us. Dorothee Sölle (1929-2003) German liberation theologian, pacifist, speaker, writer, cited in: Hans Jürgen Schultz (German editor), Einsamkeit [Solitude], S. 53-54, Kreuz-Verlag, Stuttgart, 1980, new edition February 1994

 

 

 

  • The mass of men lead lives of quiet desperation. What is called resignation is confirmed desperation. From the desperate city you go into the desperate country, and have to console yourself with the bravery of minks and muskrats. A stereotyped but unconscious despair is concealed even under what are called the games and amusements of mankind. There is no play in them, for this comes after work. But it is a characteristic of wisdom not to do desperate things. Henry David Thoreau (1817-1862) US American historian, philosopher, leading transcendentalist, naturalist, abolitionist, surveyor, tax resister, development critic, poet, author, Walden, Or, Life in the Woods, 1-A, Economy, verse 9, walden1a.html, Ticknor and Fields, Boston, 1854

 

  • First and last, man is alone, he is born alone, and alone he dies and alone he is while he lives, in his deepest self. D. H. Lawrence (1885-1930) English literary critic, poet, playwright, essayist, novelist, source unknown

 

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Anomie

  • Emile Durkheim called this phenomenon 'anomie' and found that it was the main cause of suicide which had been increasing with the growth of industrialization. He referred by anomie to the destruction of all traditional social bonds, due to the fact that all truly collective organization had become secondary to the state and that all genuine social life had been annihilated. He believed that people living in the modern political state are 'a disorganized dust of individuals'. Erich Fromm (1900-1980) German American social psychologist, psychoanalyst, humanistic philosopher, author, Anatomy of Human Destructiveness, Holt Paperbacks, 15. February 1992

 

  • In the cybernetic age, the individual becomes increasingly subject to manipulation. His work, his consumption, and his leisure are manipulated by advertising, by ideologies, by what Skinner calls "positive reinforcements." The individuals loses his active, responsible role in the social process; he becomes completely "adjusted" and learns that any behavior, act, thought, or feeling which does not fit into the general scheme puts him at a severe disadvantage; in fact he is what he is supposed to be. […] What has happened in modern industrial society is that traditions, and common values, and genuine social personal ties with others have largely disappeared. The modern mass man is isolated and lonely, even though he is part of a crowd; he has no convictions which he could share with others, only slogans and ideologies he gets from the communications media. Erich Fromm (1900-1980) German American social psychologist, psychoanalyst, humanistic philosopher, author, Anatomy of Human Destructiveness, Holt Paperbacks, 15. February 1992

 

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[+During 1950-2010 the number of single-person households of all households has increased from ~7-25%.

Thriving through their social interactions, humans are meant to live in groups. They feel sad and vulnerable if they perceive themselves as being "left out."+]

  • Americans in the twenty-first century devote more technology to staying connected than any society in history, yet somehow the devices fail us: Studies show that we feel increasingly alone. Jacqueline Olds, Ph.D., US American psychiatrist, Richard Schwartz, Ph.D., US American psychiatrist, The Lonely American. Drifting Apart in the Twenty-first Century, Beacon Press, 1. February 2010

 

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Misattributed to Albert Einstein in this variation:

The woman who follows the crowd will usually go no further than the crowd. The woman who walks alone is likely to find herself in places no one has ever been before.

  •  The man who follows the crowd will usually get no further than the crowd. The man who walks alone is likely to find himself in places no one has ever been before. Poster by Francis Phillip Wernig [Ashley-Pitt], 15. July 1970

 

  • It is important to have a certain amount of solitude just to clear your circuits. Frederick Philip Lenz, III, Ph.D. [Rama] (1950-1998) US American Buddhist spiritual teacher

 

  • A man who loves his aloneness is capable of love, and a man who feels loneliness is incapable of love.
    Loneliness is the negative aspect of aloneness. If you go deeper into it, one moment is bound to come when suddenly you will start feeling the positive aspect of it. Osho [Bhagwan Sree Rajneesh] (1931-1990) Indian professor of philosophy, controversial guru, founder of the NeoSannyas movement, source unknown

Literary and movie quotes

  • There are those among you who seek the talkative through fear of being alone. The silence of aloneness reveals to their eyes their naked selves and they would escape. Khalil Gibran (1883-1931) Lebanese American painter, philosopher, poet, writer, The Prophet Online version, Alfred A. Knopf, 1923, 1980, Laurier Books Ltd, 14. April 2003

 

  • I used to think that the worst thing in life was to end up all alone. It's not. The worst thing in life is ending up with people who make you feel all alone. Robin Williams (1951-2014) US American actor, comedian, suffering lifelong depression, committed suicide, cited by: movie figure Lance Clayton, US American black comedy film World’s Greatest Dad, 2009

 

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Film clip:

The Misfits Part 1, YouTube film, minute 8:06, 9:58 minutes duration, posted 19. March 2010

  • You don't understand, Raymond. If I'm gonna be alone, I wanna be by myself. Marilyn Monroe (1926-1962) US American actress, singer, model, line cited in: US American drama film Misfits, 1961

Poetry

  • Don't surrender your loneliness so quickly.
    Let it cut you more deep.
    Let it ferment and season you as few humans and even divine ingredients can.
    Something missing in my heart tonight has made my eyes so soft
    my voice so tender my need for God absolutely clear.
    Hafez (1325/26-1389/90) Persian Sufi mystic, lyric poet, The Poems of Hafez, poem "Absolutely Clear", Ibex Publishers, 1. April 2006

Englische Texte – English section on Loneliness

To the unknown god – Poem by Friedrich Nietzsche

        To the Unknown God       

 

Once more, before I wander on
And turn my glance forward,
I lift up my hands to you in loneliness —
You, to whom I flee,
To whom in the deepest depths of my heart
I have solemnly consecrated altars
So that
Your voice might summon me again.

 

On them glows, deeply inscribed, the words:
To the unknown god.
I am his, although until this hour
I've remained in the wicked horde:
I am his – and I feel the bonds
That pull me down in my struggle
And, would I flee,
Force me into his service.

 

I want to know you, Unknown One,
You who have reached deep into my soul,

Into my life like the gust of a storm,
You incomprehensible yet related one!
I want to know you, even serve you.

 

Friedrich Nietzsche (1844-1900) German philosopher (1864)

 

Links zum Thema Einsamkeit / Loneliness

Literatur

Ruthlessly honest account of Hawker's attempt to open himself to the Source to discern the voice of God in his life

Literature (engl.)

Featuring America's obsession with living separately from others and the corresponding costs to the psychological health

Externe Weblinks


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Letzte Bearbeitung:
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