|
Wer bin ich? Ramana Maharshi, Weg der Selbstverwirklichung erstellt von Dr. T. M. P. Mahadevan, Juni 1982
"Wer bin ich?" ist der Titel einer Sammlung von Fragen und Antworten rund um das Thema "Selbst-Erkenntnis". Der Philosoph Sri Pillai richtete 1902 vierzehn Fragen an Ramana Maharshi. Statt zu antworten, verständigte sich der schweigende Ramana nur mit Gesten.
Wer bin ich? gilt als Meister Ramanas Sammlung von Anweisungen auf dem nicht einfachen Weg ihrer Selbsterkenntis an seine Schüler. Wer der Frage "Wer bin ich?" konsequent nachgeht, hebt das Gedankenbilden auf, wodurch schließlich der "Ich-Gedanke" an sich verschwindet. Bestand hat das dauerhafte "nicht-dualistische" und Alle und Alles umfassende Selbst, die Schau Gottes als Erfahrung der Absolutheit.
Die vollkommene Realität des Seins ohne den "Ich-Gedanken" gilt auch als die Erfahrung der "Stille".
- Wer bin ich?
Der große, aus den sieben Säften (dhatus) bestehende Körper, bin ich nicht. Die fünf kognitiven Sinne (Hören, Berühren, Sehen, Schmecken, Riechen), welche die ihnen zugehörigen Dinge (Ton, Berührung, Farbe, Geschmack und Geruch) wahrnehmen, bin ich nicht. Die fünf kognitiv gesteuerten Ausdrucksorgane (Sprach-, Fortbewegungs-, Greif-, Ausscheidungs- und Zeugungsorgane), die ihre entsprechenden Funktionen ausüben (Sprechen, Bewegen, Greifen, Ausscheiden und Fortpflanzen), bin ich nicht. Die fünf Lebenkräfte wie Luft, Nährstoffe, Wasser usw., die mit den fünf Lebensfunktionen wie Atmen, Essen, Trinken usw. verbunden sind, bin ich nicht. Auch der denkende Verstand bin ich nicht. Die subjektive Wahrnehmung, welche unbewusste Eindrücke von Gegenständen vermittelt und in der es selbst keine Dinge und Funktionen gibt, bin ich nicht.
- Wenn ich nichts von dem bin, was bin ich dann?
Nach der Erkenntnis, dass du all das zuvor Erwähnte nicht bist, bleibt nur noch das Gewahrsein, dass "Ich bin".
- Was ist die Natur des Gewahrseins?
Die Natur des Gewahrseins ist Existenz – Bewusstsein – Glückseligkeit.
- Wann geschieht Selbstverwirklichung?
Wenn die Welt des "was-ich-sehe" beseitigt wurde, bleibt nur noch die Realisierung des SELBST, das der Sehende ist.
- Wann wird die gesehene Welt der Objekte verschwinden?
Wenn der Verstand, welcher der Auslöser aller Wahrnehmungen und Aktionen ist, ruhig wird, wird die Welt verschwinden.
- Was ist das Wesen des Verstandes?
Der "Verstand" ist eine verwundbare Kraft innerhalb des Selbst. Diese Kraft bewirkt, dass uns Gedanken erreichen. Jenseits der Gedanken gibt es keinen Verstand. Daher sind Gedanken die Natur des Verstands. Jenseits der Gedanken gibt es kein unabhängiges Etwas, das "Welt" genannt wird. Im Tiefschlaf gibt es keine Gedanken und daher auch keine Welt. Im Wach- und Traumzustand gibt es Gedanken und auch eine Welt. So wie die Spinne mit dem aus ihr ausfließenden Faden ein Netz außerhalb von sich erzeugt und es wieder in sich aufnimmt, projiziert der Verstand die Welt außerhalb von sich selbst und löst sie wieder in sich selbst auf. Wenn der Verstand aus sich selbst heraustritt, erscheint die Welt. Daher erscheint das Selbst nicht mehr, solange die Welt (als real) erscheint. Und wenn das Selbst erscheint (scheint), erscheint die Welt nicht mehr (als real).
- Was ist der Weg der Hinterfragung der wahren Natur des Verstandes?
Dieser Wunsch erreicht ein "Ich" in diesem Körper und in diesem Verstand. Sobald jemand annimmt, in seinem Körper zu sein, erscheint zunächst der Ich-Gedanke. […] Das Herz ist der eigentliche Ort des Verstandes. Sobald jemand damit anfängt, immer nur "ich", "ich" zu denken, wird man zu diesem Ort geführt. Dieser "Ich-Gedanke" ist der erste aller Gedanken, die den Verstand erreichen. Erst nachdem dieser "Ich-Gedanke" das "Herz" erreicht hat, treffen nach und nach die anderen Gedanken ein und machen sich breit. Nach dem ersten Erscheinen des Personalpronomens "ICH" erscheinen sofort die anderen Personalpronomen "DU", "WIR", "IHR". Ohne das erste Personalpronomen würde es keine Anderen geben.
- Wie beruhigt sich der Verstand wieder?
Durch die Nachforschung "Wer bin ich?". Der Gedanke "Wer bin ich?" vernichtet alle anderen Gedanken und wie der Stock, der dazu genutzt wird, den brennenden Scheiterhaufen aufzuwühlen, wird der Ich-Gedanke zuletzt selbst verbrennen. Dann wird die Selbstverwirklichung abgeschlossen sein.
- Wie bedeutsam ist das konsequente Beibehalten des Gedankens "Wer bin ich?"
Wenn andere Gedanken auftauchen, geh' ihnen nicht weiter nach, sondern hinterfrage: "WEN erreichen diese Gedanken?" Es spielt keine Rolle, wieviele Gedanken ankommen, stelle konsequent die Frage: "WEN haben diese Gedanken erreicht?" Die Antwort, die dann auftaucht, wird "MICH" sein. Wenn du dann fragst "Wer bin ich?", zieht sich der Verstand und mit ihm die anderen Gedanken wieder zurück und werden ruhig. Durch kontinuierliche Beibehaltung dieser Technik, wird der Verstand lernen, bei seiner Quelle zu bleiben. Wenn der raffinierte Verstand das Gehirn wieder verlässt und dadurch seine Kontrolle über die Sinnesorgane aufgehoben wird, kann man die Großartigkeit dessen, was wirklich ist, wieder erfahren. Wenn der Verstand im Kopf verweilt, entschwindet diese Großartigkeit wieder. Den Verstand nicht ziehen zu lassen und ihn stattdessen im Herzen zu halten, wird "Innerlichkeit" (antar-mukha) genannt. Den Verstand aus dem Herzen ziehen zu lassen, wird "Externalisierung" (bahur-mukha) genannt. Wenn der Verstand im Herz bleibt, wird das "Ich" als Quelle aller Gedanken vergehen und das ewig existierende Selbst wird hervorscheinen.
- Mit welchen anderen Mitteln lässt sich der Verstand beruhigen?
Es gibt keine anderen Mittel, den Verstand zu beruhigen, als ihn per se zu erforschen. Versucht man mit anderen Mitteln, den Verstand zu beruhigen, wird der Verstand zwar kontrolliert, er wird jedoch weiter arbeiten. Der Verstand kann auch mit Atemübungen beruhigt werden. Er wird jedoch nur solange ruhig bleiben, wie der Atem kontrolliert wird. Wenn man wieder normal atmet, wird sich auch der Verstand wieder bewegen und sich von ungeklärten Eindrücken antreiben lassen. Die Quelle des Atems und des Verstands sind identisch. Im Tiefschlaf wird der Verstand ruhig, ohne dass der Atem anhält. Es liegt am Willen Gottes, dass der Körper erhalten bleibt und andere Menschen nicht den Eindruck erhalten, dass der Schlafende sei tot. Im Stadium des Erwachens und in Samadhi, wenn der Verstand ruhig wird, ist der Atem unter Kontrolle. Der Verstand atmet im Körper bis zum Eintritt des [physischen] Todes, und wenn der Körper stirbt, nimmt der Verstand den Atem mit. Neben Atemkontrolle sind auch Meditationen über die Erscheinungsformen Gottes, wiederholte Mantren, eingeschränktes Essen usw. hilfreich um den den Verstand zu beruhigen.
- Die ungeklärten objektbezogenen Eindrücke (Gedanken) erscheinen so unbeständig wie die Meereswellen. Wann werden sie zur Ruhe kommen?
Wenn die Meditation auf das Selbst sich immer mehr intensiviert, werden diese Gedanken verschwinden.
- Wie lange soll man Selbsterforschung betreiben?
Solange noch Objekt-Eindrücke im Verstand vorhanden sind, so lange ist die Erforschung mit "Wer bin ich?" noch erforderlich.
- Was ist das Wesen des Selbst?
In Wahrheit existiert nur das Selbst. Die Welt, die individuelle Seele und Gott sind Erscheinungen darin. […] Das Selbst ist dort, wo es absolut kein "Ich" mehr gibt. Das wird "Stille" genannt. Das Selbst ist die Welt, das Selbst ist das "Ich", das Selbst ist Gott, alles ist das Selbst.
- Ist Alles das Werk Gottes?
Ohne Begierde, Entschlossenheit oder Anstrengung geht die Sonne auf, und es gibt nur Gegenwärtigkeit. Die Sonne strahlt Feuer aus, der Lotus blüht, Wasser verdunstet, Menschen führen ihre Tätigkeiten aus und ruhen anschließend wieder. So wie sich die Kompassnadel bewegt, wenn ein Magnet in die Nähe kommt, ist es mit der Wirksamkeit der bloßen Präsenz Gottes, dass die Seelen, beeinflusst von den drei kosmischen Funktionen beziehungsweise der fünffältigen göttlichen Aktivität, ihren Lauf nehmen und im Einklang mit ihrem jeweiligen Karma schwingen. Gott hat keine Zweifel und kein Karma, so wie weltliche Taten die Sonne nicht beeinflussen oder Verdienste / Schwächen der vier Elemente nicht den gesamten Raum durchdringen können.
- Wer ist der Größte unter allen Gottergebenen?
Wer sich dem SELBST hingibt, das Gott ist, ist der herausragendste Gottergebene. Sein [eigenes] Selbst an Gott zu übergeben, bedeutet, kontinuierlich im Selbst zu verweilen, ohne anderen Gedanken als den Gedanken an das Selbst Raum zu geben. Übergib' alles Beschwerliche Gott, er trägt es.
- Was ist Nicht-Anhaftung?
Nicht-Anhaftung ist, alle Gedanken, sobald sie aufkommen, vollständig zu vernichten, ohne irgendwelche Rückstände von ihrer Quelle zu hinterlassen. So wie sich der Perlentaucher einen Stein um die Hüfte bindet und auf den Grund des Meeres taucht, um dort Perlen zu ernten, so kann jeder von uns, ausgestattet mit Nicht-Anhaftung, in die Tiefen des Seins abtauchen und die Perle seines Selbst pflücken.
- Ist es Gott oder einem Guru möglich, eine Seele zu befreien?
Gott und der Guru werden nur den Weg zur Befreiung aufzeigen, sie werden nicht selbst die Seele in den Status der Befreiung versetzen. In Wahrheit sind Gott und der Guru nicht verschieden. So wie das Beutetier dem Rachen des Tigers nicht entkommen kann, so werden diejenigen geschützt und nicht verloren gehen, die den Wirkungsbereich der Gnade eines Gurus betreten haben. Jeder möge sich selbst bemühen, dem Pfad zu folgen, den Gott oder der Guru ihm aufgezeigt hat und dadurch Befreiung erlangen. Man kann sich selbst nur mit eigenen Augen erkennen, nicht mit den Augen eines Anderen.
- Ist es für den nach Befreiung Strebenden notwendig, das Wesen der kosmischen Elemente (tattvas) zu erforschen?
So wie man den Müll, den man einfach wegwirft, nicht anschauen und sortieren muss, so braucht man, um sein Selbst zu erkennen, die vielfältigen Muster und Kategorien, in denen er Verstand verstrickt ist, nicht zu analysieren. Er braucht nur all diese Muster, welche die Sicht auf das Selbst verhüllen, einfach zu entsorgen. Betrachte die Welt als Traum.
- Gibt es keinen Unterschied zwischen Wachsein und Träumen?
Das Wachsein ist langwierig und ein Traum nur kurz, sonst gibt es keine Unterschiede. So wie das Wachsein real erscheint, wenn wir wach sind, so erscheint ein Traum real, wenn wir träumen. Im Traum ergreift der Verstand einen anderen Körper. Sowohl im Wach- als auch im Traumzustand erscheinen Begriffe und Formen gleichzeitig.
- Nützt es dem nach Befreiung Strebenden, Bücher zu lesen?
Alle Texte in Büchern sagen, dass man zur Befreiung den Verstand ruhig stellen solle. Zur Beruhigung des Verstands muss man lediglich in sich selbst erforschen, was dieses Selbst ist. Bücher sind außerhalb von den fünf Ummantelungen, von denen das Selbst umgeben ist. Das Selbst wird erkannt, indem man diese fünf Ummantelungen ablegt. Es ist fruchtlos, in Büchern danach zu suchen. Die Zeit wird kommen, in der man all das vergessen wird, was man zuvor gelernt hat.
- Was ist Zufriedenheit?
Zufriedenheit ist das natürliche Wesen des Selbst. Zufriedenheit und das Selbst sind nicht verschieden. In weltlichen Dingen liegt keine Zufriedenheit. Wenn der Verstand nach außen geht, erfährt er Leid. Sobald seine Wünsche erfüllt sind, kehrt er an seinen Platz zurück und erfreut sich an der Zufriedenheit des Selbst. Gleiches gilt für das Stadium des Tiefschlafs, von Samadhi und Bewusstlosigkeit. Sobald das Erwünschte erreicht oder das Unerwünschte entfernt wurde, kehrt sich der Verstand nach innen und erfreut sich reiner Selbstzufriedenheit. Das Schwanken hält der Verstand pausenlos in Bewegung. Der Verstand eines Menschen, der die Wahrheit kennt, ist nicht außerhalb von Brahman. Hingegen verweilt der Verstand eines Ignoranten draußen in der Welt, weswegen er sich schlecht fühlt und eine Zeitlang zu Brahman zurückkehrt, um wieder Zufriedenheit zu erfahren.
- Was ist "innere Weisheit" (jnana-drsti)?
Gelassenheit in Ruhe nennt man innere Weisheit. Ruhig zu bleiben bedeutet, den Verstand im Selbst aufzulösen.
- Welches Verhältnis besteht zwischen Wunschlosigkeit und Weisheit?
Wunschlosigkeit IST Weisheit, sie sind nicht verschieden. Wunschlosigkeit bedeutet, den Verstand davor zu bewahren, sich an Gegenstände zu klammern. Wunschlosigkeit bedeutet, nicht außerhalb des Selbstes nach Anderem zu suchen. Das Selbst nicht zu verlassen ist Weisheit.
- Was ist der Unterschied zwischen Selbsterforschung und Meditation?
Selbsterforschung verhindert, dass der Verstand das Selbst verlässt. Meditation führt tiefer in das Bewusstsein, in das Brahman, in die Glückseligkeit von Existenz-Bewusstsein.
- Was ist Erlösung?
Erlösung ist das Wesen des [eigenen] Selbst innerhalb der Anhaftung zu erkennen, sie zu überwinden und die Wahrheit des Selbstes zu verwirklichen.
Entnommen aus: Self Enquiry Dr. T. M. P. Mahadevan (Juni 1982), Prahlad.org
|