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Das Mädchen ohne Hände

IN DIESEM HAUS WOHNT JEDER FREI!

Detail von Madonna in der Felsengrotte (1503-1506)
von Leonardo da Vinci

Angekommen vor dem Haus weißen Fee mitten im Wald, nahm das Mädchen ohne Hände mit ihrem neu geborenen Sohn Schmerzensreich auf dem Rücken die Einladung an, die das hieß: In diesem Haus wohnt jeder frei!

Die Zufluchtsuchende hatte zuerst ihr Elternhaus verlassen, in dem sie ihr zu Reichtum gekommener Vater behalten wollte. Er hatte seinen unlauteren Handel mit dem Teufel letzten Endes mit ihren Händen bezahlt, die er eigenhändig abhackte und als Preis an den Herrn der Unterwelt übergab. Ihre Mutter war bei der Verstümmelung ihrer Tochter stumm geblieben.

Danach hatte sie ihre neue Heimat verlassen. Mit Hilfe ihrer Schwiegermutter hatte sie entschieden, aus dem Schloss des Königs, ihres Ehemannes, zu fliehen, wo ihr Leben und das ihres Sohn in Gefahr waren. Die Ermordung sollte vorgeblich im Auftrag des Königs geschehen. So war es in dem angeblich von ihm geschriebenen und ihr überbrachten Brief zu lesen, den der Teufel unterwegs, als der Bote schlief, entstellt hatte.

Nach seiner Heimkehr war der König zutiefst erschrocken zu erfahren, dass seine Familie beinah zu Tode gekommen wäre, während er monatelang im Schlachtengetümmel gewesen war. Aus Gewinnsucht hatte er sein Versprechen, sie nie zu verlassen, gebrochen, das er ihr aus freien Stücken gegeben hatte.

Er änderte seinen Sinn und machte sich unverzüglich auf die Suche nach Frau und Kind. Reichtum, Ruhm und äußere Macht verloren an Bedeutung für ihn. Während seiner Suchreise nach innen aß und trank er nicht – und er wurde dennoch erhalten und geführt. Nach einem Jahrsiebt war er ein Anderer geworden.

Als er den waldigen Einkehrort seiner Lieben nach Ablauf von sieben Jahren tatsächlich erreicht hatte, fiel er erschöpft in den Schlaf. Ein Schleier, der ihn bedeckt hatte, fiel mehrfach von ihm ab.

Die Frau, deren fehlende Hände im Heilhaus wundersam nachgewachsen waren, bat ihren Sohn, den Gast wieder zuzudecken. Dabei erklärte sie ihm, dass der Schlafende sein Vater sei. Das erstaunte Kind indes hatte bis dahin nur den Vater im Himmel gekannt. Der Schlaftrunkene, dessen Augen noch blind für das Wesentliche waren, hatte dieses Gespräch mitgelauscht.

Wie er sich auch mühte, es gelang ihm nicht, sie als seine angetraute Frau von einst wieder zu erkennen. Daher bat er sie, sich doch vor ihm auszuweisen.

Als sie ihm sogleich ihre längst abgelegten silbernen Handprothesen, die er ihr Jahre zuvor hatte anfertigen lassen, vorlegte, weiteten sich seine Augen, sein Herz ging auf und der Mund ging ihm über.

Die verratene Liebe von damals hatte ihre Prüfung auf Leben, Tod und Wandlung bestanden.

  • Er hat sie wieder gefunden und mit anderen Sinnen an-erkannt.
  • Ihrer beider Liebe war gereift, hatte den Tod überwunden und sich erneuert.
  • Die Grundlage ihrer erneuerten Liebe war Ebenbürtigkeit in Gott.


Wandlungsebenen – Vom Ego zum Selbst


Der Weg vom Ego zum Selbst

StufenMännlicher AspektWeiblicher Aspekt
1. UnbewusstTeufel – dominantes EgoAnima – opferwilliges Kind/Mädchen
2. Halb-
bewusst
Vater – gierig gewalttätig
Schatten
Schatten
erstarrt duldende Mutter
3. Bewusst
stumm -
tabuwahrend
Mann/König – ambivalent suchende PersonaVerbündete
differenzierende Schwiegermutter
4. Bewusst
ausgesprochen
tabubrechend
Sohn – durch Schmerz gewandelter neuer MannGenesende
heil gewordene
erneut hand-lungsfähige
Neue Frau
5. * * *GottvaterÜber-Ich
fern – transzendent
SelbstWeiße Fee
nah, nährend, immanent – Große Mutter


Levels of Transformation – From Ego to SELF


The Passage from Ego to SELF

StepsMale AspektFemale Aspekt
1. UnconsciousDevil – dominating EgoAnima – sacrificial Child / Girl
2. Half
conscious
Vater – greedy, careless, violent
Addiction
Shadow
frozenly tolerating Mother
3. Conscious
mute –
Keeping up taboos
Man / King – ambivalent seeking PersonaAlly
differentiating Mother-in-law
4. Conscious
outspoken –
Breaking Taboos
Son Sorrowful – transformed new Man by PainRecovering woman
healing within 7 years,
regaining her actability, sovereignity
New woman
5. * * *Heavenly dear GodSuper Ego
distant – transcendent
SELFSnow-White Fairy
near, nurturing, immanent –
Grand Mother

Sources:


Vom Es-Es zum Ich-Es zum Ich-Du-Selbst

Der jüdische Theologe Martin Buber beschreibt in seinem Buch Ich und Du das in der Suchtgesellschaft vielfach verbreitete Beziehungsmodell als

  • Ich-Es-Beziehung (Es-Es-Beziehung)
    Der Subjekt-Partner manipuliert sein Gegenüber zugunsten seiner eigenen seelenlosen Triebbefriedigung als unbeseeltes Objekt.
  • Eine ebenbürtige Ich-Du-Beziehung zu sich, zum Partner und zu Gott
    hingegen ist allverbunden im Selbst. Das Gefühl der Einheit kann sich einstellen.



Zitate von diversen Interpreten zum Märchen
Das Mädchen ohne Hände

Christa Mulack, Das Mädchen ohne Hände. Wie eine Tochter sich aus der Gewalt des Vaters befreit, Kreuz Verlag, 1995

  • Sie mahlt Tag für Tag ein Maß zum Essen (1), eins zum Verwahren (2), eins zum Verkaufen (3). Auf diese Weise werden drei Bedürfnisbereiche angesprochen, die sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die ganze Gesellschaft von größter Bedeutung sind und deren Gleichgewicht die Mühle garantiert. S. 31
  • So hat Gerda Weiler Recht, wenn sie darauf hinweist, dass es eine »der grundlegenden Anstrengungen des Patriarchats (ist), dass der Vater die Mutter-Tochter-Beziehung stört.« S. 40

Einige Beispiele über die symbolische Bedeutung von Tränen:

  • Im griechischen Mythos fallen die Tränen der Göttin der Morgenröte auf die Erde seit sie ihren Sohn im Trojanischen Krieg verlor.
  • Märchen von der »Gänsehirtin am Brunnen«: Die Heldin weint wegen ihres lieblosen Vaters, ihre Tränen werden zu Perlen.
  • Die Perlen-Metapher in Bezug auf das Reich Gottes beschrieben von Jesus.
  • In China nennt man Tränen »Perlchen«, symbolisch zählen sie zu den acht Kleinodien, Bedeutung Kostbarkeit/Reinheit. allgemein, ohne Seitenangabe
  • In der Mystik aller großen Religionen wird die Haltung des Seinsmodus auf ähnliche Weise als ein Freisein von Egointeressen, vom Haben- und Besitzenwollen beschrieben – ob es sich dabei um Macht oder Geld, Ansehen oder Ehre handelt. Diese Haltung beschreibt auch Laotse im Tao Te King:
    So stellt der Weise sich selbst zurück
    Und ist den anderen voraus,
    Wahrt nicht sein Selbst
    Und es bleibt ihm bewahrt,
    Denn ohne Eigensucht
    Vollendet er das Eigene.
    S. 48

Christlicher Archetyp der sündigen Eva und seine verhängnisvollen Folgen bis heute:

  • Während die christliche Lehre die Sünde einerseits auf die Frau zurückführt und sie andererseits zum Zentrum des Menschen erhebt, lenkt das Märchen unsere Aufmerksamkeit auf das kleine Mädchen, das sich in den Tiefenschichten unserer Seele befindet und jene Selbstgewissheit des Nicht-Schuldigseins tief verborgen in sich trägt. Damit wird jener ursprüngliche Seinszustand in uns angesprochen, der sich noch nicht vom Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung von Eltern oder anderen Menschen hat korrumpieren und zu falschen Schuldgefühlen verleiten lassen. In der Tiefe unserer Seele, verdeckt von Schuldgefühlen, wäre demnach jene Haltung zu finden, der das eigene Sein wichtiger und wertvoller ist als äußere Anerkennung. Die Haltung vermag gleichermaßen zu unterscheiden zwischen der Echtheit und Falschheit von Zuwendungen und Schuldzuweisungen. Dem Mädchen ohne Hände ist genau diese Unterscheidung gelungen. S. 60
  • Als Opfer physischer, seelischer und geistiger Gewalt lernen sie [die Frauen] im christlichen Abendland, die »Schuld« für das an ihnen begangene Unrecht bei sich selbst zu suchen. Sie wissen nichts mehr von dem väterlichen Pakt mit dem Bösen und übernehmen eine Verantwortung, die ihnen nicht zukommt. Die Maßstäbe, mit denen sie sich und den Vater messen, stimmen aber nicht mit der Wirklichkeit überein. Sie haben buchstäblich ihr eigenes Gesetz, ihre Autonomie, verloren, und einen falschen Massstab für ihr Leben an die Hand bekommen. Seit frühester Kindheit haben sie gelernt, sich an jenen Forderungen zu messen, die von außen an sie herangetragen werden. Gelang es ihnen, diesen Anforderungen gerecht zu werden, entwickelten sie ein (falsches) gutes Gewissen. Misslang es, stellten sich (falsche) Schuldgefühle ein. Auf der Grundlage ihrer Bereitschaft, Schuld auf sich zu nehmen, wurden sie bis in die tiefsten Schichten ihrer Seele hinein manipuliert und dabei rigoros den eigenen Bedürfnissen entfremdet. Diese Schuld mangelnder Selbstbewahrung aber konnten sie nicht erkennen, da niemand bereit war, sie beim Namen zu nennen. S. 64
  • Frauen bleiben so lange Opfer des patriarchalen Systems, wie sie es in seiner zerstörerischen Kraft nicht durchschauen und nicht lernen, sich ihm durch »Verlassen des Vaterhauses« zu entziehen. Schließlich handelt es sich bei diesem »Vaterhaus« um ein äußerst komplexes Gebäude patriarchaler Denk- und Wertstrukturen, Gefühls- und Verhaltensmuster, mit denen Wahrnehmungsstörungen und Realitätsverlust, Abhängigkeiten und vermeintliche Notwendigkeiten einhergehen. S. 66
  • Die Beziehung zum anderen Geschlecht kann gar nicht gelingen, bevor wir nicht zu uns selbst gefunden, bevor wir keine Selbstgewissheit und damit auch keine innere Stärke erlangt haben. Daher mahnt die Philosophin Lucy Irigaray: Keine Liebe des anderen ohne Liebe des Selben. S. 92
  • Ein Gegensatz zeigt sich im weiblichen und männlichen Heilsweg: Die junge Frau muss weder durch die Welt irren noch Verzicht leisten. Ihr Weg führt weder durch Entbehrungen noch durch ein langes Suchen. Sie gelangt relativ schnell in jene heilende Welt, in der sie eine umfassende Fürsorge und Zuwendung erfährt. So kommt es rasch zur Entfaltung ihrer Ganzheit, zur Heilung ihrer Hände.
    Die siebenjährige Trennungszeit gestaltet sich also für Frau und Mann auffallend gegensätzlich. [...] Die Tatsache, dass der König sieben Jahre braucht, um an sein Ziel zu gelangen, zeigt, dass er sehr Vieles abzulegen hat und Vieles neu finden muss, um schließlich der richtige Mann - für diese Frau und damit auch für sich selbst und diese Welt – zu werden. Sieben Jahre, ein Zeitraum, in dem sich die Zellen des Körpers – und damit möglicherweise auch die Seele – von Grund auf erneuern. S. 102
  • Der vaterlose Sohn (Schmerzensreich) sowie der König erinnern an den mittelalterlichen Helden Parzival, der zum Erlöser wird, als er nach langer Suche den verborgenen (weiblichen) Gral findet. Wie sein Name Parzival erkennen lässt, wurde er dabei zum ‹Walddurchdringer› (von lat. percer – durchdringen und wal, val – Wald). Das trifft auch auf den König im Märchen zu, der nach siebenjähriger Suche zu jenem Haus der Freiheit vordringt, das sich in einem wilden Wald befindet. Berücksichtigen wir auch noch die durch und durch weibliche Symbolik des Waldes, so erblicken wir in Parzival und dem König gleichermaßen Männer, die zur Welt weiblicher Werte durchgedrungen sind. S. 110
  • Männer, die sich auf die Suche nach dem Weiblichen begeben und zu weiblichen Werten vordringen wollen, müssen sich auch jener Frage stellen, mit der König Artus als einer der Gralssucher konfrontiert wurde. Diese Frage, der sich auch Sigmund Freud noch vor einem Jahrhundert stellte und vor der er kapitulierte, lautet: »Was will die Frau?« König Artus erhielt darauf noch von seinem ritterlichen Freund Gawan die Antwort: »Souveränität, Sire.« Eine wahrhaft tiefsinnige Antwort, wenn wir uns die Bedeutung dieses Wortes genauer anschauen. Er meint politisch eine nicht abgeleitete, allumfassende, nach außen und innen uneingeschränkte Hoheitsgewalt. Das Symbol dieser politischen Souveränität ist die Jungfrau. Sie wurde in der keltischen Mythologie »in der weiblichen Gestalt der Eriu, der Souveränität Irlands, verkörpert.« und erinnert daran, dass diese Länder in vergangenen Zeiten durch Göttinnen bzw. Priesterinnen symbolisiert wurden.
    Genau das scheint der König im Märchen begriffen zu haben, wenn er am Ende seiner siebenjährigen Suche auf patriarchale Vatermacht verzichtet und sich damit nicht nur zu Verhältnissen im jesuanischen »Reich Gottes« bekennt, sondern auch zu jenen Verhältnissen, denen wir in matriarchalen Kulturen begegnen. S. 110-111
  • Mahnungen der Weisheit: [...] dass die Unverständigen klug werden und die Jünglinge vernünftig und besonnen. Wer weise ist, der höre zu und wachse an Weisheit, und wer verständig ist, der lasse sich raten, dass er verstehe Sprüche und Gleichnisse, die Worte der Weisen und ihre Rätsel. [...] Weisheit wird mühelos erschaut von denen, die sie lieben, und gefunden von denen, die sie suchen. Sprüche des Salomo 1, AT
    Drei Haltungen werden hier vom Mann verlangt: dass er sich ihr zuwendet, sie sucht und sie liebt. Anders ist sie nicht zu haben. Daran sollten jene denken, die meinen, es liege allein an uns Frauen, ob die Männer umlernen oder nicht. S. 115

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Verena Kast, Vom gelingenden Leben. Märcheninterpretationen, dtv Verlag, 2000-1998

  • Gegen das Gelingen steht zunächst der Wille zur Beharrung, der Wille sich nicht zu verändern. [...] Vom Verrat meine ich, dass es trotz allem ein ›glückbringender Verrat‹ war. Es sieht zwar so aus, wie wenn er durch den Stoß ins größte Elend, den er bewirkt, das Nichtgelingen besiegeln würde, aber gerade dadurch ist eine Wandlung möglich. Bei Märchenheldinnen und Märchenhelden, die zu sehr im Alten verharren, die sich nicht wandeln wollen, finden wir immer einen Verrat. Das können wir gut auf unser Leben übertragen: eigentlich verraten wir uns ja selber, wenn wir uns nicht entwickeln. Wir lassen uns im Stich, und möglicherweise gibt uns dieser glückbringende Verrat dann von außen den notwendigen (An-)Stoß. S. 74

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Arnold Bittlinger, »Es war einmal – Grimm'sche Märchen im Lichte von Tiefenpsychologie und Bibel«, Knaur Verlag, 1994

  • Sie will nicht mehr brav und unschuldig sein, sie hat den Mut, zu ihrer dunklen Tiefe und zu ihren Aggressionen zu stehen. Indem sie das tut, entsteht eine unerhörte Energie, die vorher vor lauter Bravsein abgeblockt war. Dem zornigen König und Vater zu trotzen, ist ein schwerer Schritt, denn hinter dem Vaterkönig steht das Bild eines Gottes, der sagt: Du sollst und du sollst nicht! Die Gebote dieses Gottes sitzen bei vielen Menschen unheimlich tief, und sie haben Angst vor dem Zorn des Vaters oder des Vatergottes. Viele lassen ihr Leben eher verstümmeln, als dass sie es wagen, gegen diese Autorität zu handeln. (siehe auch Deutung von Mädchen ohne Hände) S. 119
  • Jephthah bittet Gott um einen Sieg über die Ammoniter und verbindet dieses Gebet mit einem Gelübde: Wenn du mir den Sieg über die Ammoniter gibst und ich wohlbehalten nach Hause zurückkehre, soll das, was mir als erstes aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dir gehören, ich werde es dir als Brandopfer darbringen. Jephthah hat gesiegt, er kommt zurück, und seine Tochter [einziges Kind] eilt ihm tambourinschlagend entgegen. […] Jephthah zerreißt seine Kleider und ruft: Ach meine Tochter, welches Leid fügst du mir zu! Dass du mir das antun musst! Statt sein unbedachtes Gelübde zu bedauern, schiebt er die Schuld auf die Tochter! [Die Tochter reagiert wie MoH.] Als die Frist verstrichen war, kehrte sie zu ihrem Vater zurück und er tat an ihr, was er Gott versprochen hatte. [Richter 11, 39 (AT)] S. 216
  • Ich mache das Licht und schaffe die Finsternis, ich gebe Frieden und schaffe das Übel. Jesaja 45, 6 Hinter dem Vaterbild des Märchens entdecken wir ebenfalls eine ambivalente Vorstellung vom Gott/Teufel. S. 218
  • Das Mädchen steht somit in einer Spannung, in der sich viele Kinder befinden, die wissen: Wenn ich tue, was der Vater will, dann bin ich ›brav‹ und dann ist auch der Vater brav. Wenn ich dagegen tue, was ich eigentlich tun will, dann bin ich böse und mache meinen Vater zum Teufel. Viele Kinder entscheiden sich in einem solchen Konflikt dann dafür, dass sie sich lieber die Hände abhacken lassen, als einen teuflischen Vater zu riskieren. [Ein bekanntes Beispiel aus der Frühzeit der Psychotherapie ist die blinde Musikerin Marie-Theresia Paradies, die infolge der Behandlung durch F. A. Mesmer (1734-1815) ihre Sehkraft wiedererlangte, sie jedoch wieder verlor, ›um ihrem Vater zuliebe‹ weiterhin die berühmte ›blinde‹ Musikerin zu bleiben.] S. 219
  • Dass wir Lebendiges für Unlebendiges opfern, ist die große Gefahr, von der heute unsere Welt bedroht ist. S. 221
  • Mehr als 60 Millionen Indianer wurden seit ihrer sogenannten Entdeckung ermordet (in Lateinamerika geht dieses Morden immer noch weiter). Auch ihre Flora und Fauna wurde vom ›weißen Mann‹ rücksichtslos ausgerottet und zerstört. S. 222
  • Diese Haltung wird auch bei manchen sogenannten Christen sichtbar. Sie übergeben ihr Leben einem solchen ambivalenten Gott, von dem sie meinen: »Wenn ich brav bin, dann ist Gott gut, wenn ich bös bin, dann straft er mich.« Sie übergeben diesem Gott ihr Leben, weil sie Angst haben, dass sie sonst dem ›Teufel‹ verfallen. Sie sagen deshalb lieber zu ›Gott‹ (genau wie das Mädchen im Märchen): »Mach mit mir, was du willst.« Der Preis dafür ist häufig die Verstümmelung des Lebens. S. 220
  • Und was ist die Ursache der heutigen Umweltzerstörung? Die Bibel gibt darauf eine sehr einfache Antwort: Die Wurzel allen Übels ist die Geldliebe. [1. Timotheus 6, 10] Und damit sind wir wieder beim Müller, der seinen Apfelbaum und damit seine Seele für Geld verkaufte. Wieso ›seine Seele‹? Hinter dem Apfelbaum steht das Mädchen, das heißt, seine ›Anima‹. Geht es uns nicht auch manchmal so wie dem Müller, der seinen Apfelbaum nicht nur ein ›Baum‹ ist, sondern ein Stück Lebendigkeit? Diese Lebendigkeit ist ein Stück unserer Seele. Schon Jesus hat gesagt: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und dabei Schaden an seiner Seele nimmt? [Markus 8, 36] S. 222 / S. 223
  • Wasser ist ein Symbol für das Unbewusste. Insbesondere geht es um den mütterlichen Urgrund der Seele. Wir haben in dieser Aufbruchszene eine Häufung von mütterlichen und weiblichen Symbolen, z. B. die Nacht, der Mond, der Garten, die Birne (die Birne ist ein weibliches Symbol im Gegensatz zum Apfel, der die Ganzheit darstellt). Weiterhin ist der Mund bedeutsam. Das Mädchen geht also in den mütterlichen Urgrund zurück [...] der vor der Verstümmelung und vor der Vaterproblematik liegt. S. 227
  • Die Birnen sind gezählt und geschützt. Es ist ein verbotener Baum, und trotzdem wagt das Mädchen, eine Birne zu essen, weil es jetzt darum geht, Leben zu erhalten. Es sagt: »Ich verschmachte, wenn ich die Birne nicht esse.« Leben ist wichtiger als das Gebot. Das haben wir von Jesus gelernt. Das Gebot ist um des Menschen willen da, und nicht der Mensch um des Gebotes willen. [Markus 2, 27] S. 227
  • Ein ›König‹ ist Symbol für das kollektiv Bewusste, das heißt, für das, was man tut, für das, was üblich ist. Ihm wird nun vom Weiblichen in ihm Energie abgezogen. Es ist in ihm ein Komplex konstelliert, der Energien bindet, die dadurch dem Bewusstsein und dem Leben entzogen werden. Es entsteht dann im Bewusstsein das Gefühl eines Verlustes an Lebendigkeit. Die Anima regt sich, um den König zu zwingen, sich mit ihr zu befassen. [M.L. Franz, »Das Weibliche im Märchen«, S. 81 beschreibt einen von C. G. Jung überlieferten Mythos der Hopi-Indianer: Die Hopi behaupten, dass sie am Anfang tief unter der Erde, die viele Schichten aufwies, gelebt hätten. Jedesmal, wenn eine solche Schicht übervölkert war, machten die Frauen die Lage durch ihr Benehmen so unerträglich, dass die Männer gezwungen waren, einen Weg in die nächste Schicht hinaufzufinden; die Frauen taten also selbst nichts, aber durch ihr widriges Verhalten zwangen sie die Hopi, in die Welt des Bewusstseins hinaufzusteigen.] Das Mädchen treibt den König in eine (vorübergehende) Unruhe hinein. S. 228/229
  • Etwas tun, wozu uns unser ›wahres Selbst‹ ermuntert – obwohl wir es uns nicht zutrauen - das ist ›charismatisches‹ Handeln. Charismatisches Handeln ist ein Handeln in Übereinstimmung mit dem inneren Gesetz. Wenn wir innerlich klar wissen, dass wir jetzt etwas anpacken müssen, und es auch tatsächlich tun, dann wachsen uns Hände, so dass wir es tun können. Wenn es im Neuen Testament heißt: »Wenn jemand redet, dann seien seine Worte Gottes Worte.« [1. Petrus 4, 11], dann müssten wir eigentlich sagen: Das ist ein unmöglicher Befehl, wir können keine Gottesworte reden! Wenn wir jedoch wagen, in dem Augenblick zu reden, in dem wir reden sollen, dann werden unsere Worte zu ›Gottes Wort‹, das heißt, zu Worten, die heilende und helfende Wirkung haben. Und wenn es in der gleichen Stelle sinngemäß weiter heißt: Wer dient, der tue es in der Kraft, die Gott verleiht, dann bedeutet dies, dass uns in dem Augenblick Hände wachsen, in dem wir das tun, was Gott uns zu tun heißt. S. 238 / 239
  • Ein durchgezogener Strich auf der Straße ist grundsätzlich richtig. Er hat eine bestimmte gute Funktion: Er soll entgegenkommende Fahrzeuge vor Gefährdung bewahren. Wenn jedoch ein Kind in die Fahrbahn läuft, dann muss ich den Strich überfahren und nicht das Kind. Leider gibt es viele Menschen, die überfahren lieber das Lebendige als den Strich, weil sie mehr auf Gebote und Verbote fixiert sind als auf das Lebendige. S. 240
  • Das Kind heißt Schmerzensreich – das heißt, das Neue, das wächst, wächst unter Schmerzen. Jeder Fortschritt wird mit Schmerzen erkauft [...] geboren. S. 241
  • Es gibt nichts Hartherzigeres als unechte Barmherzigkeit. S. 243
  • Und es wird eine zweite Hochzeit gefeiert. Da heißt es nun nicht mehr, der König ›nahm‹ sie sich zur Frau, sondern es heißt: »Der König und die Königin hielten zusammen Hochzeit.« Unter Schmerzen ist eine neue echte Ganzheit zustande gekommen. S. 243
  • In uns allen gibt es verschlossene Räume. Es gibt eine Stimme in uns, die sagt, dass wir diese Räume ja nicht öffnen dürfen, sonst gibt es ein Unglück, sonst wird unser Leben durcheinandergeworfen. Es gibt jedoch eine andere Stimme in uns, die sagt, dass wir diese Räume öffnen müssen. Verbote sind ja eine recht wirksame Methode, um die Übertretung des Verbotes zu bewirken. Das erinnert uns an die Sündenfallgeschichte, in der der verbotene Baum deshalb attraktiv ist, weil er ein verbotener Baum ist. Oft ist die Übertretung des Verbots notwendig, um autonom zu werden. Die verbotenen Zimmer in den Märchen sind ungelebte Möglichkeiten, vor denen wir Angst haben und die wir deshalb verdrängen. Oft enthalten solche Zimmer auch Werte aus vorchristlicher Zeit (zB ein weibliches Gottesbild oder die dunkle Seite Gottes), die unser Leben bereichern könnten, wenn wir sie sinnvoll integrierten. S. 344 / 345
  • Es geht um die Verbindung der Gegensätze und nicht darum, dass wir von einem Extrem ins andere fallen. Zum Reichtum gehört die Bescheidenheit, sonst wird der Reichtum zum Verhängnis. Das Kostbare und das Schlichte gehören zusammen. Zum goldenen Vogel gehört deshalb der hölzerne Käfig und zum goldenen Pferd der hölzerne Sattel. Das Geistige und das Erdhafte müssen zu einer dynamischen Einheit werden. So schreibt der Apostel Paulus im 2. Korinterbrief 4, 7, dass wir den himmlischen Schatz in irdenen Gefäßen haben [2. Kor. 12, 7] und dass zu der himmlischen Offenbarung der Stachel für das Fleisch gehört, der den Offenbarungsträger am Boden festhält. S. 346 / 347
  • Manchmal geschieht die Erlösung im allerletzten Augenblick – ganz ähnlich wie beim Schächer am Kreuz, von dem uns das Neue Testament berichtet. [sh. Lukas 23, 42f] Für die Art und Weise, wie die Erlösung geschieht, gibt es keine Normen, sondern sie geschieht so, wie sie der jeweiligen Märchenheldin oder dem jeweiligen Märchenhelden entspricht und so, dass in der jeweiligen Situation entscheidend geholfen wird. Es wird deutlich, dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, der ihn zu dem Ziel führt, das für ihn bestimmt ist. S. 348
  • Wir müssen unterscheiden zwischen unserem vordergründigen Willen und dem hintergründigen Willen Gottes, der unser eigentlicher Wille ist. [...] Immer wieder geht es darum, das Nächstliegende und das Unscheinbare und das Verachtete zu beachten. Gerade dort liegt das eigentliche Gold. Wie alle Kräfte der Tiefe haben die Helfer manchmal auch eine dunkle Seite, die es zu erkennen und zu bannen gilt. [z.B. Rumpelstilzchen] Wir müssen deshalb sowohl auf die Stimme der Tiefe und die Stimme des Verstandes lauschen. S. 349
  • In der Ganzheit sind Gegensätze vereinigt – Mann und Frau, Alte und Junge, Dienende und Herrschende. Diese Ganzheit ist ein Symbol unseres wahren Selbst, das im Neuen Testament als der ›Christus in uns‹ bezeichnet und das der Apostel Paulus im Galaterbrief folgendermaßen beschreibt: Da ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau; sondern ihr alle seid eine Einheit in Christus. (Galater 3, 28 [NT]) Das gilt auch für die archetypischen Gestalten in uns. Ganzheit bedeutet das Annehmen aller Gestalten, die in uns sind, das Einswerden unseres bewussten ›Ich‹ mit unserem wahren Selbst. Märchen können eine Hilfe sein auf dem Weg zu einer solchen Ganzheit, auf dem Weg zu Gott. S. 350
  • So heißt es z.B. im Evangelium, dass der von Jesus besiegte Teufel ihn eine Zeitlang verließ (Lukas 4, 13 [NT]) – nicht für immer. Der Teufel wartet auf eine neue Gelegenheit und kommt dann in ganz anderer Gestalt (z.B. in der Gestalt des Petrus: Matthäus 16, 23 [NT]). Jesus warnt deshalb die von Dämonen Befreiten vor einer erneuten dämonischen Attacke (Matthäus 12, 43ff.). Für den Apostel Paulus dauerten die Attacken lebenslang (2. Korinther 12, 7 ff). S. 357
  • In Goethes Faust bezeichnet sich Mephisto als »ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«; vgl. auch 1. Moses 50, 20: Ihr gedachtet, es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. In der frühen Christenheit wurde selbst der ›Sündenfall‹ als felix culpa (glückselige Schuld) gepriesen, weil die Folge davon eine so wunderbare Erlösung war. S. 359
  • Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. 2. Korinther 12, 10 (NT)
  • Es ist jedoch auch ›Hochmut‹, wenn jemand auf seine ›Demut‹ stolz ist! S. 366
  • Das Mädchen ohne Hände ist ein sehr altes Märchen. Es ist bereits im 12. Jahrhundert bezeugt, vermutlich ist es jedoch noch wesentlich älter. S. 368



Literatur

  • Gebrüder Grimm, Deutsche Volksmärchen, KHM 31, 1857
  • Arnold Bittlinger, Es war einmal, Grimm'sche Märchen im Lichte von Tiefenpsychologie und Bibel, Knaur Verlag, 1994
  • Eugen Drewermann, Das Mädchen ohne Hände. Grimmms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet, Walter Verlag, Januar 2004
  • Verena Kast, Vom gelingenden Leben. Märcheninterpretationen, dtv Verlag, 2000-1998
  • Christa Mulack, Das Mädchen ohne Hände. Wie eine Tochter sich aus der Gewalt des Vaters befreit, Kreuz Verlag, 1995
  • Maja Storch, Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann, Originalverlag Walter Verlag, Düsseldorf 2000


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