SpiritualWiki

Wiki / Geschichtensammlung

Wiki-Menu:  

2·2012


Hawkins-Menu:


 

Geschichtensammlung

 

Inhaltsverzeichnis (verbergen)

  1. 1. Geschichten in Deutsch
    1. 1.1 Spirituelle Intention – eine Weisheitsgeschichte
    2. 1.2 Wann endet die Nacht?
    3. 1.3 Reaktionen auf die Schau des siebten Himmels
    4. 1.4 Trugbilder – Synchronistische Geschichte
    5. 1.5 Auf der Suche nach dem Meer
    6. 1.6 Die Schaulustigen und der Elefant
    7. 1.7 Theoretiker und Wassergänger
    8. 1.8 Übervolle Tasse
    9. 1.9 Allen Recht getan – eine Kunst, die niemand kann.
    10. 1.10 Ein Hund im Himmel
    11. 1.11 Wer hat Recht?
    12. 1.12 Eine andere Perspektive – Gespräch eines Zwillingspaars
    13. 1.13 Paradox der Entschleunigung
    14. 1.14 Es geschehe dir nach deinem Glauben.
    15. 1.15 Erfahrung der Stille
    16. 1.16 Missglückte Stilleübung
    17. 1.17 Der Wanderer – Sufigeschichte
    18. 1.18 Auftrag erfüllt – Feinde ⇔ Freunde
    19. 1.19 Schaumermal
    20. 1.20 Der Diamant
    21. 1.21 Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.
    22. 1.22 Angst vor dem Unbekannten
    23. 1.23 Midlife-Krise – Verjüngung des Adlers (Phoenix)
    24. 1.24 Drei Steinmetze
    25. 1.25 Erkenntnisreise eines Steinhauers
    26. 1.26 Freundschaft – in Sand und Stein
    27. 1.27 Jede Minute ist kostbar.
    28. 1.28 Buddha durchschaut den Revolutionär.
    29. 1.29 Kalif und Knecht – Verabredung mit dem Tod
    30. 1.30 Ringparabel aus "Nathan der Weise"
    31. 1.31 Die Wäsche
    32. 1.32 Die grüne Schlange und die weiße Lilie
    33. 1.33 Neuer Wein in neue Schläuche
  2. 2. Lustige Geschichten
    1. 2.1 Jeder, Jemand, Irgendjemand und Niemand
    2. 2.2 Was wäre wenn? Geschichte mit dem Hammer
  3. 3. Links zu Geschichtensammlungen / Story collections
    1. 3.1 Externe Weblinks
    2. 3.2 External web links (engl.)
    3. 3.3 Audio- und Videolinks
    4. 3.4 Audio and video links (engl.)
    5. 3.5 Interne Links

 

 

 

Illustration aus "Tausendundeiner Nacht"
1849-1856


Maler Sani ol-Molk (1814-1866)

 

 


 

Geschichten in Deutsch

Spirituelle Intention – eine Weisheitsgeschichte

            Missgünstiger Prinz und Weiser            

 

Vor langer Zeit lebte in einem Königreich ein weiser Mann, der vom Volk geliebt und verehrt wurde, und ein Prinz, dem die Zuneigung des Volkes nicht zuteil wurde. Der Prinz hasste den weisen Mann deswegen und setzte alles daran, ihn beim Volk in Misskredit zu bringen.

 


Carolinataube

Morgen, so dachte der Prinz bei sich, führe ich eine Echtheitsprüfung durch. Ich werde mich als Bauer verkleiden und eine Taube mitnehmen. Wenn der weise Mann auf dem Marktplatz mit dem Volk spricht, werde ich die Taube in meiner Hand halten und ihn fragen:

 

Weiser Mann! Ich frage dich, ist die Taube, die ich in meiner Hand halte, lebendig oder tot?

 

Wenn er antwortet, dass die Taube tot sei, so werde ich meine Hand öffnen und sie davonfliegen lassen. Sagt er jedoch, dass die Taube lebendig sei, so werde ich sie in meiner Hand zerquetschen und sie tot auf die Erde fallen lassen.

 

Ganz egal, welche Antwort er gibt, der weise Mann wird vor dem Volk wie ein Narr aussehen.

 

Als der weise Mann am nächsten Tag auf dem Marktplatz erschien und mit den Anwesenden zu sprechen begann, nahm der Prinz, verkleidet als unscheinbarer Bauer, die Taube aus dem Käfig, hielt sie in seiner Hand verborgen und fragte mit lauter Stimme:

 

Weiser Mann! Lass' mich dir eine einfache Frage stellen. Ist die Taube, die ich hier in meiner Hand halte, lebendig oder tot?

 

Auf der Stelle verstummte das Stimmengewirr auf dem Platz. Es wurde ganz still. Alle Augenpaare wandten sich dem weisen Mann zu. Der hielt inne, sah zu der Menge, danach zum Prinzen und antwortete:

 

Das, was du in deiner Hand hältst, ist das, was du daraus machst!

See also: ► Intention

Wann endet die Nacht?

            Berühmte chassidische Erzählung            

 

Ein weiser Rabbi fragte seine Schüler:

Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?

Einer meinte:

Ich denke, es ist der Augenblick, sobald man einen Stock von einem Stein vor den eigenen Füßen unterscheiden kann.
Nein,

erwiderte der Meister.
Ein anderer meinte:

Es ist der Augenblick, wenn man einen Feigenbaum von einem Pfirsichbaum in der Ferne unterscheiden kann.
Nein,

antwortete der Rabbi.
Ein weiterer meinte:

Wenn man ein Pferd von einer Kuh in der Ferne unterscheiden kann.
Nein,

erwiderte der Rabbi.

Wann ist es dann? Sag‘ uns die Antwort,

baten die Schüler ihn.
Der Rabbi sagte:

Es ist der Augenblick,
wenn ihr in das Gesicht eines Mannes oder einer Frau seht und darin erkennt,
dass er euer Bruder ist, dass sie eure Schwester ist.

Solange euch das nicht gelingen mag, ist es unerheblich, wo die Sonne gerade steht,
denn die Nacht dauert an.
Siehe auch: ► Freundschaft

Reaktionen auf die Schau des siebten Himmels

Eines Nachts kam ein Engel zu vier Rabbinern auf Besuch.
Er weckte sie auf und trug sie auf seinen Schwingen in die siebte Kammer des Siebten Himmels.
Dort erblickten die vier Neuankömmlinge mit eigenen Augen das Heilige Rad von Hesekiel.
༺༻VerhaltenErläuterung
1.Irre werdenSchon auf dem Rückweg zu ihrem Heimatplaneten Erde verlor der erste Rabbiner seinen Verstand, denn sein Geist war so stark vom göttlichen Glanz geblendet worden, dass er fortan nur noch brabbelnd durch die Lande irrte.
2.VerleugnungDer zweite Rabbiner zeigte sich unbeeindruckt und zynisch. Er verleugnete schlicht, was er im Siebten Himmel gesehen hatte. Abwinkend gab er gab zum Besten:Ach was, das haben wir doch bloß geträumt!
3.FanatismusDer dritte Rabbiner entpuppte sich als fanatischer Eiferer.
Sein Terminkalender war voll. Er hielt Vorträge und Seminare über die Bedeutung und die Hintergründe seines Erlebnisses und argumentierte mit anderen Gelehrten.
4.HerzenspoesieUnd der vierte Rabbiner wurde ein Dichter,
der am Fenster seines Zimmers saß und ein Danklied nach dem anderen verfasste über die Tauben im Kirschbaum, seine kleine Tochter in der Wiege und den mit Sternen übersäten Nachthimmel.
Er war der Einzige unter den vier Himmelsgästen, die Gott geschaut hatten, der es vermochte, sein Glück zu ertragen.
Inspiriert durch: ► Clarissa Pinkola Estes (*1945) US-amerikanische Jungsche Psychoanalytikerin, Posttraumaspezialistin,
Dichterin, Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte, Heyne Verlag, 8. Auflage 1. September 1997
Siehe auch: ► GnadeGottVerrücktKulteZynismusGlück
Dankbarkeit  ► SchattenDankbarer Dichter

 

Zur Abwehr der Zweifel wird die bewusste Einstellung fanatisch, denn Fanatismus ist nichts anderes als überkom-
pensierter Zweifel. Carl Gustav Jung (1875-1961) Schweizer Psychiater, Psychoanalytiker, Gründer einer neuen Denkschule der Tiefenpsychologie, Autor, Gesammelte Werke, Band 6. Psychologische Typen, Rascher, 10. revidierte Auflage 1967

Trugbilder – Synchronistische Geschichte

In einer alten Hindu-Schrift heißt es, dass Gott und ein Weiser namens Narada eines Tages durch eine gewaltige Wüste wandern. Narada fragt Gott:

O höchster Herr, was ist das Geheimnis des Lebens und der Trugbilder dieser Welt?
Gott lächelt und schweigt. Sie marschieren weiter.

 

Mein Sohn,

sagt Gott schließlich,

die Sonne scheint heute recht heiß, und ich bin durstig. Vor dir befindet sich ein Dorf. Geh hin und hole mir einen Becher Wasser.

 

Narada macht sich auf den Weg. Er kommt in das Dorf und klopft an die Tür des ersten Hauses. Eine wunderschöne Frau öffnet die Tür. In dem Augenblick, als Narada in ihre Augen blickt, vergisst er Gottes Befehl und den Grund, warum er in das Dorf gehen sollte. Die Frau bittet Narada in das Haus, wo er von ihrer Familie auf das herzlichste begrüßt wird. Es ist, als ob jeder in diesem freundlichen Haushalt ihn erwartet hätte. Narada wird eingeladen, mit der Familie zu speisen und die Nacht über zu bleiben. Er nimmt freudig an, genießt die Gastfreundschaft der Familie und bewundert insgeheim die Schönheit der jungen Frau.

 


Frühstückszeit,
Hanna Pauli (1864-1940) schwedische Malerin

Es vergeht eine Woche, dann zwei. Narada beschließt zu bleiben, und schon bald übernimmt er einen Teil der Haushaltspflichten. Nach einem angemessenen Zeitraum bittet er um die Hand der jungen Frau. Die Familie hat nichts anderes erwartet. Alle sind höchst erfreut. Narada und sein junges Weib bleiben im Haus der Familie, wo sie ihm schon bald drei Kinder gebärt, zwei Söhne und eine Tochter. Jahre vergehen. Die Eltern seiner Frau sterben. Narada wird zum Hausherrn. Er eröffnet einen kleinen Laden im Dorf, der sehr gut läuft. Schon bald ist er ein angesehener Bürger der Gemeinde und ein geachtetes Mitglied des Gemeinderats. Narada geht auf diese Weise in den uralten Freuden und Sorgen des Dorfes auf und lebt viele Jahre in Zufriedenheit.

 

Eines Abends mitten in der Regenzeit bricht ein gewaltiger Sturm aus, und der Fluss steigt durch die plötzlichen Fluten so sehr an, dass er das Dorf überschwemmt. Narada sammelt seine Familie um sich und führt sie durch die dunkle Nacht auf eine Anhöhe. Aber der Wind bläst mit solcher Gewalt, und die Regenschauer sind so heftig, dass einer von Naradas Söhnen weggerissen wird. Narada will nach dem Jungen greifen und lässt dabei seinen anderen Sohn los. Kurz darauf reißt ihm ein Windstoß seine Tochter aus den Armen, dann verschwindet auch noch sein geliebtes Weib in der donnernden Dunkelheit. Narada jammert hilflos und richtet seine geballte Faust gegen den Himmel. Aber seine Schreie werden von einer haushohen Welle übertönt, die aus den Tiefen der Nacht aufsteigt und ihn kopfüber in den Fluss stürzt. Ihm wird schwarz vor Augen.

 

Viele Stunden, vielleicht Tage vergehen. Langsam und unter Schmerzen kommt Narada wieder zu sich. Er muss entdecken, dass er weit flussabwärts auf einer Sandbank gestrandet ist, fast nackt und halbtot. Es ist ein helllichter Tag und der Sturm hat sich gelegt. Nirgends entdeckt er ein Lebenszeichen von seinen Angehörigen oder anderen Lebewesen. Lange Zeit liegt Narada einfach nur auf dem Sand, fast verrückt vor Kummer und Einsamkeit. Trümmer treiben auf dem Fluss an ihm vorüber, und der Wind trägt den Geruch des Todes mit sich. Alles wurde ihm genommen; alle lebensspendenden und kostbaren Dinge sind in den wirbelnden Fluten versunken. Es scheint, dass er nichts tun kann, außer zu weinen.

 

Plötzlich hört Narada hinter sich eine Stimme, die ihm das Blut in den Adern stocken lässt.

Mein Kind, wo ist mein Becher Wasser?,

fragt diese Stimme.

 

Narada dreht sich um und sieht Gott vor sich stehen. Der Fluss verschwindet, und er ist wieder mit Gott allein in der leeren Wüste.

Wo ist mein Wasser?,

fragt Gott erneut:

Ich warte jetzt schon mehrere Minuten.

 

Narada wirft sich dem Herrn zu Füßen und fleht um Vergebung.

Ich habe es vergessen!,

ruft Narada immer wieder.

Ich habe vergessen, worum Ihr mich gebeten habt, großer Herr! Vergebt mir!

 

Gott lächelt und sagt:

Verstehst du nun das Geheimnis hinter deinem Leben und den Trugbildern der Welt?

 

Quelle:  ► Dr. Harry R. Moody, US-amerikanischer Direktor von Academic Affairs for AARP, Washington, DC., assoziiert mit
International Longevity Center-USA und Senior Fellow of Civic Ventures, Sinnkrisen in der Mitte des Lebens.
Spiritualität und Erfüllung – ein Prozeß in fünf Stufen
, S. 569 ff., Droemersche Verlagsanstalt, München, 1997

 

  • Sie [die Rückkehr zu Gott] dauert so lange, wie wir brauchen, um die Aufgaben zu vollenden, die uns für dieses Leben gegeben wurden. So gesehen ist die Rückkehr erst dann vollendet, wenn jeder Augenblick unseres Lebens zu einem Zeugnis für das wird, was wir vergessen haben und woran wir uns wieder erinnern müssen – für unsere spirituelle Mission. Es ist eine unendliche Geschichte, deren Mitte überall in unserem Leben und deren Enden im Nirgendwo liegen. Der Sinn hinter diesem Geheimnis kann nur erraten oder, besser noch, in Gleichnissen und Geschichten ausgedrückt werden. Harry R. Moody, Ph.D., US-amerikanischer Direktor von Academic Affairs for AARP, Washington, DC., assoziiert mit International Longevity Center-USA und Senior Fellow of Civic Ventures, Sinnkrisen in der Mitte des Lebens. Spiritualität und Erfüllung – ein Prozeß in fünf Stufen, Droemersche Verlagsanstalt, München, 1997

 

Siehe auch: ► Illusion

Auf der Suche nach dem Meer

Ein junger Fisch schwamm irgendwo im Meer. Als er einem anderen Fisch begegnete, fragte er ihn:

"Entschuldige bitte, du bist so viel älter und erfahrener als ich, vielleicht kannst du mir weiterhelfen. Sag mir doch, wo ich die Sache finden kann, die man Meer nennt? Ich habe bisher überall vergeblich danach gesucht."
"Das Meer",

sagte der ältere Fisch,

"ist das, worin du jetzt gerade schwimmst."
"Das? Aber das ist doch nur Wasser. Ich suche doch das Meer!"

rief der junge Fisch enttäuscht und schwamm davon, um anderswo weiterzusuchen.

 

Quelle: ► Anthony de Mello SJ (1931-1987) indischer katholischer Jesuitenpriester,
Psychotherapeut, geistiger Lehrer, Gib deiner Seele Zeit, Herder, Juli 2005

Die Schaulustigen und der Elefant


Elefant, Krüger Nationalpark, Südafrika

Man hatte einen Elefanten zur Ausstellung bei Nacht in einen dunklen Raum gebracht. Die Menschen strömten in Scharen herbei. Da es dunkel war, konnten die Besucher den Elefanten nicht sehen und so versuchten sie, seine Gestalt durch Betasten zu erfassen. Da der Elefant groß war, konnte jeder Besucher nur einen Teil des Tieres greifen und es nach seinem Tastbefund beschreiben.

  1. Einer der Besucher, der ein Bein des Elefanten erwischt hatte, erklärte, dass der Elefant wie eine starke Säule sei;
  2. ein zweiter, der die Stoßzähne berührte, beschrieb den Elefanten als spitzen Gegenstand;
  3. ein dritter, der das Ohr des Tieres ergriff, meinte, er sei einem Fächer nicht unähnlich;
  4. der vierte, der über den Rücken des Elefanten strich, behauptete, dass der Elefant so gerade und flach sei wie eine Liege.

 

Quelle: ► Hamid Molana, iranisch-US-amerikanischer Dichter, Berater des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad
See also: ► Blind men discovering an elephant

Theoretiker und Wassergänger

Ein Theoretiker, der schwer WAS merkt und
ein Wassergänger, der sich schwer was merken kann

 

Ein Derwisch spazierte an einem See entlang und hörte, wie jemand den Ruf der Derwische falsch rezitierte. Er sah es als seine Pflicht an, den Unglücklichen, der die Silben derart unstimmig betonte, zu berichtigen.
Also mietete er sich ein Boot und fuhr zu der Insel hinüber, von der die lauten Misstöne kamen. Es könnte sich um ja einen Derwisch handeln, der keinen Lehrer gehabt hatte, und wahrscheinlich sein Bestes tat, um sich mit der Sinngehalt hinter den Tönen in Einklang zu bringen.

 

Auf der Insel angekommen unterrichtete und berichtigte er seinen Mitbruder in der Kunst des Derwischrufs. Dieser bedankte sich dafür. Der Hilfreiche, ganz zufrieden mit seiner guten Tat, machte sich auf den Heimweg und dachte bei sich:

"Immerhin heißt es, dass ein Mensch, der die heiligen Formeln richtig rezitiert,
sogar auf dem Wasser zu gehen vermag."

 

Während er so dachte, tauchte plötzlich eine seltsame Erscheinung vor ihm auf. Sein Derwischkollege von der Insel kam über das Wasser auf ihn zugelaufen.

"Bruder",

sagte jener zu ihm, als er nahe genug bei ihm war,

"verzeih mir, dass ich dich störe. Ich bin dir eigens nachgegangen, um dich zu bitten, mir nochmals zu erklären, wie man den Spruch richtig aufsagt. Leider kann ich mir die Wiederholungen nur schwer merken."
Quelle: ► Sufi-Geschichte, nachempfunden einer Erzählung von
Idries Shah (1924-1996) persischer Autor der Sufitradition, spiritueller Lehrer

Übervolle Tasse

Ein Professor wanderte weit hinauf in die Berge, um einen bekannten Zenmönch aufzusuchen. Als der Professor bei ihm eintraf, stellte er sich höflich vor, nannte seine akademischen Titel und bat den Gottesdiener um Unterweisung.

Möchten Sie Tee?,

fragte der Mönch.

Ja, gern,

sagte der Professor.
Der alte Mönch schenkte Tee ein. Als die Tasse war voll, goss der Mönch weiter ein, bis der Tee überfloss und sich als Lache auf dem Tisch ausbreitete und auf den Boden tropfte.

Genug!,

rief der Professor.

Sehen Sie nicht, dass die Tasse schon voll ist? Es passt nicht mehr in sie hinein.

 

Der Mönch antwortete:

Genau so voll wie diese Tasse sind auch Sie mit Wissen und Vorurteilen angefüllt.
Um Neues zu lernen, müssen Sie Ihre Tasse erst einmal leeren.

Allen Recht getan – eine Kunst, die niemand kann.

 

            Die Geschichte vom Vater, seinem Sohn und dem Esel            

 

Eines Tages wollten ein Vater und sein Sohn ihren Esel zum Markt bringen.
Der Vater ritt auf dem Esel, den der Sohn führte.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als ihnen ein Bauer begegnete
und dem Vater zurief:
Der arme Junge! Wie kannst du als Erwachsener dieses Kind mit seinen kurzen Beinen
so quälen! Hast du kein Herz, du Egoist!
,
Eigentlich hat er recht,
dachte der Vater, stieg ab und ließ den Jungen auf dem Tier sitzen.

 

Nun schritt der Vater voran und führte den Esel.
Nach kurzer Zeit trafen sie ein altes Mütterchen, das seine Stimme erhob:
So eine Unverfrorenheit!
Da sitzt der junge Bengel auf dem Esel und lässt seinen alten Vater nebenher laufen!

Der Junge nahm sich den Vorwurf sehr zu Herzen und bat seinen Vater,
ebenfalls auf den Esel zu steigen.

 

So ritten sie eine Weile gemeinsam auf dem Tier, bis ein Fußgänger zu kreischen begann:
Was für eine Tierquälerei! Da reiten zwei Nichtsnutze dem armen Tier den Rücken durch!
Der Esel wird bald eingehen, wenn ihr ihn nicht schont!

Nun war guter Rat teuer!

 

Vater und Sohn beschlossen, den Esel zu tragen,
damit er sich nach der großen Anstrengung wieder erholen konnte.
Nachdem sie ihn einige Meilen weit getragen hatten, gelangten sie endlich zum Markt.
Dort brach ein lautes Gelächter aus.
So etwas Dummes haben wir noch nicht gesehen!
Wozu tragt ihr den Esel spazieren, wenn er nichts leistet und keinen von euch trägt?
,
wollten die Leute wissen.
Führt den Esel doch am Halfter hinter euch!,
rieten die Einen,
Sie können doch auch beide darauf reiten!,
riefen die Anderen.
Nein, das hält der Esel nicht durch,
aber den Vater allein wird er wohl tragen können.

Und das arme Kind soll sich wohl die Beine aus dem Leib laufen?
Nein, das Kind muss reiten, der Vater ist doch viel kräftiger.

 

Das lautstarke Debattieren auf dem Marktplatz nahm kein Ende
und führte zu keinem brauchbaren Ergebnis.
Viele glaubten zu wissen, wie dieses Dilemma am Besten zu lösen sei.

 

Schließlich blickte der Vater nachdenklich auf seinen Sohn und sprach:
Es ist offensichtlich belanglos, wie wir es anstellen.
Es wird wohl immer jemanden geben, dem es nicht gefällt
und der deswegen Anstoß daran nimmt.

Wir machen ab nun genau das, was wir aus tiefstem Herzen
und bestem Wissen und Gewissen für angemessen halten.

 

Autor unbekannt

Ein Hund im Himmel

Ein alter Mann und sein Hund spazierten einen schmutzigen Weg entlang, der auf beiden Seiten eingezäunt war. Sie kamen zu einer Türe im Zaun und betrachteten das Grundstück dahinter. Dort gab es schöne Wiesen und Waldflecken, ein Paradies für einen Jagdhund mit Jäger.
Auf dem Schild stand zu lesen "Durchgang verboten". Daher setzten Hund und Herr ihren Weg fort.

 


Grosser Schweizer Sennenhund, Berner Sennenhund,
Appenzeller Sennenhund und der Entlebucher Sennenhund, Juli 2011

Sie kamen an ein schönes Tor, unter dem ein Wesen in weißer Robe stand.

"Willkommen im Himmel", sagte es.

Der alte Mann war glücklich und wollte geradewegs mit seinem Hund eintreten, doch der Türwächter hielt ihn auf.

"Hunde sind hier nicht erlaubt. Leider darf Ihr Hund nicht herein."
"Was für ein Himmel, in dem Hunde keinen Zutritt haben? Wenn er ausgeschlossen wird, bleibe ich mit ihm draußen. Er war sein ganzes Leben lang mein treuer Begleiter, deshalb werde ich ihn jetzt nicht einfach zurücklassen."
"Sie müssen wissen, was sie tun. Ich warne Sie vor dem Teufel. Er ist auf diesem Weg und wird versuchen Sie zu überreden, bei ihm einzukehren. Er wird Ihnen allerhand versprechen, doch auch bei ihm sind Hunde nicht willkommen. Wenn Sie Ihren Hund nicht zurücklassen wollen, bleiben Sie bis in alle Ewigkeit auf dem steinigen Weg."

 

Der alte Mann ging weiter mit seinem Hund.

 

Sie kamen an einen ramponierten Zaun ohne Tor, es gab lediglich ein Loch im Zaun. Ein alter Mann stand dahinter.

"Entschuldigen Sie, mein Hund und ich sind sehr müde. Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Ihnen reinkommen und uns etwas in den Schatten setzen?"
"Aber nein, kommen Sie ruhig herein. Dort unter dem Baum ist auch etwas Wasser. Machen Sie es sich ruhig bequem!"
"Macht es Ihnen wirklich nichts aus, wenn ich meinen Hund mitbringe? Ein Wesen weiter unten an der Straße hat mir gesagt, dass Hunde hier nirgends erlaubt sind."
"Würden Sie denn hereinkommen, wenn Ihr Hund draußen bleiben müsste?"
"Nein, mein Herr, deshalb bin auch nicht in den Himmel gekommen. Als ich erfuhr, dass dort Hunde nicht willkommen sind, beschloss ich, dass wir lieber bis in alle Ewigkeit auf dem Weg  bleiben. Mit etwas Wasser und Schatten sind wir schon zufrieden. Ich trete hier auf keinen Fall ein, wenn mein geliebtes Tier draußen bleiben muss."

 

Der Mann lächelte und sagte:

"Willkommen im Himmel."
"Sind Sie sicher, dass hier der Himmel ist und Hunde erlaubt sind? Wie kommt dann, dass der andere Torwächter sagte, dass Hunde nirgends erlaubt sind?"
"Das da unten war der Teufel, der alle Leute zu sich holt, die ein komfortables Leben haben möchten und bereit sind, den Begleiter ihres Lebens dafür aufzugeben. Später finden sie zwar heraus, dass sie einen Fehler begingen. Die Hunde kommen hierher, und die schlechten Menschen bleiben dort. Gott erlaubt nicht, dass Hunde aus dem Himmel verbannt werden. Er erschuf sie, um die Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Es ist Unsinn, Mensch und Tier im Jenseits zu trennen?"

 

Inspiriert durchKatzenseite, aus dem Englischen, Autor unbekannt

Wer hat Recht?

Ein Rabbi wurde gebeten, in einem Streitfall schlichtend zu entscheiden.
Der eine der beiden Streitenden kam also zum Rabbi und schilderte ihm seine Sicht der Dinge.
Der Rabbi hörte aufmerksam zu, dachte eine Weile nach und sagte:


Fünf Wasserfontänen eines Springbrunnens
"Du hast Recht."

 

Dann kam der zweite Mann und beschrieb dem Rabbi seine Lage. Auch ihm hörte der Rabbi aufmerksam zu, überlegte wieder etwas und sagte:

"Du hast Recht."

 

An dieser Stelle meldete sich die Frau des Rabbis zu Wort und fragte ihren Mann:

"Wie können denn beide Männer Recht haben?"

 

Wieder dachte der Rabbi einen Augenblick nach und antwortete dann:

"Liebes, du hast Recht."

 

Orientiert an: ► Gregory M. Corrigan (1923-2009) US-amerikanischer Autor, Die Spiritualität der Unvollkommenheit, Lüchow, 1998

Eine andere Perspektive – Gespräch eines Zwillingspaars

Zwillingsgespräch

 

Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch der Mutter.

 


La Charité, 1859, 1880
William-Adolphe Bouguereau (1825-1905) französischer Maler
"Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?",

fragt der eine Zwilling.

"Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das, was draußen kommen wird",

antwortete der andere Zwilling.

"Ich glaub, das ist Blödsinn!",

sagte der Erste.

"Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie sollte das denn bitteschön aussehen?"
"So ganz genau weiss ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller sein als hier.
Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?"
"So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee.
Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz."
"Doch, es geht bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders."
"Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt.
Mit der Geburt ist das Leben zu Ende. Punktum."
"Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird.
Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen."%
"Mutter? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn, bitte?"
"Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie.
Ohne sie könnten wir gar nicht sein!"
"Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht."
"Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören.
Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt."
Vorlage von:  ► Henry Nouwen (1932-1996) niederländischer römisch-katholischer Priester,
Theologe, Psychologe, geistlicher Schriftsteller

Paradox der Entschleunigung


Till Eulenspiegel, Brunnenfigur in Magdeburg

Till Eulenspiegel ging eines schönen Tages mit seinem Bündel an Habseligkeiten zu Fuß zur nächsten Stadt.
Auf einmal hörte er, wie sich schnell Hufgeräusche näherten und eine Kutsche neben ihm anhielt.
Der Kutscher hatte es sehr eilig und rief:

"Sag schnell – wie weit ist es bis zur nächsten Stadt?"

Till Eulenspiegel antwortete:

"Wenn Ihr langsam fahrt, dauert es wohl eine halbe Stunde. Fahrt Ihr schnell, so dauert es zwei Stunden, mein Herr."
"Du Narr",

schimpfte der Kutscher und trieb die Pferde zu einem schnellen Galopp an und die Kutsche entschwand Till Eulenspiegels Blick.

 

Till Eulenspiegel ging gemächlich seines Weges auf der Straße, die viele Schlaglöcher hatte. Nach etwa einer Stunde sah er nach einer Kurve eine Kutsche im Graben liegen. Die Vorderachse war gebrochen und es war just der Kutscher von vorhin, der sich nun fluchend daran machte, die Kutsche wieder zu reparieren.

 

Der Kutscher bedachte Till Eulenspiegel mit einem bösen und vorwurfsvollen Blick, worauf dieser nur sagte:

"Ich sagte es doch: Wenn Ihr langsam fahrt, eine halbe Stunde."
Quelle: ► Lothar J. Seiwert (*1952) deutscher Ratgeberautor, Wenn du es eilig hast, gehe langsam,
S. 21, Campus Fachbuch Verlag, Amazon.de Sonderausgabe 17. April 2003
Siehe auch: ► Paradox und Zeit

Es geschehe dir nach deinem Glauben.

Einst fragte ein Schüler den arabischen Weisen Abd es Salam:


Turmwendeltreppe, Caernarfon Castle, Wales, ~1300
Was meinst du, wird aus mir werden?

Dieser antwortete ihm:

Alles, woran du glaubst, wird in Erfüllung gehen.

Der Schüler zog leichten Herzens von dannen,
erlaubte sich einige Husarenstücken. Leider hat er so oft gefehlt,
so dass er schließlich zum Tode verurteilt wurde.

 

Als er auf dem Schafott stand, kam Abd es Salam des Weges.

Du hast mich falsch beraten!,

rief der Verurteilte.

Ich glaubte, ich würde Kalif werden.
Das ist nicht in Erfüllung gegangen!

Der Weise fragte:

Hast du wirklich daran geglaubt?

Der Verurteilte gab ungern zu, dass er es nicht geglaubt,
sondern es sich gewünscht hatte. Er habe es jedoch
im Innersten gar nicht für möglich gehalten.

Aber erst recht nicht habe ich geglaubt,
dass ich auf dem Schafott enden würde!
,

rief er.

 

Abd es Salam antwortete:

Doch, du hast es geglaubt.
Nur hast du offenbar nicht bemerkt, dass du es geglaubt hast!

 

Die Moral von der Geschicht':
Nicht, was der Mensch sich wünscht, trifft eines Tages ein,
sondern das, was er im Innersten glaubt.

Erfahrung der Stille

Zu einem Einsiedler kamen eines Tages Menschen. Sie fragten ihn:

"Welchen Sinn siehst du in einem Leben der Stille?"

Er war gerade mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne beschäftigt.
Er überlegte und sprach:


Iguazu Falls, Misiones, Argentina
"Schaut in die Zisterne, was seht ihr?"

Die Besucher blickten in die Zisterne:

"Wir sehen nichts",

sagten sie.
Nach einer Weile forderte der Einsiedler die Besucher erneut auf:

"Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?"

Sie blickten hinunter und sagten:

"Jetzt sehen wir uns selbst!"

Der Einsiedler sprach:

"Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig und ihr konntet nichts sehen.

Jetzt ist das Wasser ruhig und ihr seht euch selbst. Das ist die Erfahrung der Stille."

Entnommen aus: ► Ludger Hohn-Morisch, deutscher Therapeut, Lektor, Herausgeber von Anthologien,
Für jeden Tag ein Stück vom Glück, Herder, Freiburg, 2004

Missglückte Stilleübung

Vier Mönche beschlossen, zwei Wochen lang in Stille zu meditieren.
In der Abenddämmerung des ersten Tages fing die Kerze an zu flackern und schließlich verlöschte sie.
༺༻MitspielerAussageKommentar
1.Der erste Mönch sagte: "Oh nein! Die Kerze ist erloschen."Faktischer Hinweis
2.Der zweite Mönch sagte: "Hatten wir nicht beschlossen, nicht zu sprechen?" Suggestivfrage
3.Der dritte Mönch sagte: "Warum habt ihr beide das Schweigen gebrochen?" Warum-Frage
4.Der vierte Mönch meinte lachend:"Ha! Und ich bin der Einzige, der nicht gesprochen hat."Hochmut stinkt.

Der Wanderer – Sufigeschichte

Ein Wanderer ist auf Zimmersuche in einer neuen Stadt. Er befragt den örtlichen Weisen:

Meister, wie sind die Menschen in dieser Stadt?

Hiking trail in Argentina

Der Meister stellt ihm eine Gegenfrage:

Wie sind die Menschen in der Stadt, aus der du gezogen kommst?
Oh, dort waren alle Gesindel, Tagediebe und Hungerleider.

Der Weise rät dem Fremden:

Freund, ziehe weiter. Die Städter hier sind auch so.

 

Stunden später erscheint ein anderer Wohnungssuchender bei dem Weisen, um ihn zu fragen:

Meister, wie sind die Menschen in dieser Stadt?

Entgegnet der Weise:

Wie sind die Menschen dort, wo du bisher gelebt hast?

Antwortete der Wanderer:

Oh, Ich bin ungern weggezogen, weil sie alle so freundlich, hilfsbereit, herzensgut und zuvorkommend sind.

Rät ihm der Meister:

Freund, bleibe hier. Wir sind ebenso!

Auftrag erfüllt – Feinde ⇔ Freunde


Portrai des Kaisers Taizu der Ming Dynasty, China
Zhu Yuanzhang (1328-1398)

Ein König schickte seinen Feldherrn mit einem Trupp Soldaten
auf ein Schlachtfeld außer Landes. Sein Befehl an ihn lautete:

Vernichte meine Feinde!

 

Feldherr und Heer waren ausgezogen. Doch niemand im Reich hatte erfahren, was sie in der Ferne ausgerichtet hatten. Als der König nach vielen Monaten noch immer ohne Nachricht geblieben war, schickte er einen Kundschafter aus, um die Lage im Kriegsgebiet zu überprüfen und ihm Bericht zu erstatten.

 

Im Feindesland stieß der Bote auf ein Lager, aus dem schon von Weitem das fröhliche Stimmengewirr eines Festes zu hören war. Der Feldherr und seine Soldaten saßen gemeinsam mit den Feinden des Königs an einem Tisch und feierten.

 

Der Kundschafter stellte den Feldherrn seines Königs zur Rede:

Ihr habt den Auftrag des Königs nicht ausgeführt!
Statt die Feinde zu vernichten, habt ihr euch mit ihnen verbrüdert.

 

Gelassen erwiderte der so gescholtene Feldherr:

Den Befehl des Königs haben wir sehr wohl ausgeführt.
Der Feind ist vernichtet UND
wir haben neue Freunde gewonnen!

 

Inspiriert durch ► Beitrag Der Befehl des Königs, Zeitzuleben.de, 1. Juni 2007

 

Um deine Feinde auszumerzen, befreunde dich mit ihnen. Chinesische Weisheit

Schaumermal

 

            Wir werden sehen.            

 

Es war einmal ein Bauer, der besaß einen wunderschönen Hengst, und die Leute im Dorf sagten zu ihm:

»Welch ein Glück für dich!«

Doch der Bauer antwortete nur:

»Wir werden sehen.«

Eines Tages brach der Hengst aus, und die Leute im Dorf sagten:


Pferde
»Welch ein Unglück für dich!«
»Wir werden sehen«,

antwortete der Bauer.
Der Hengst kehrte mit einem Dutzend wilder Pferde zurück, und die Leute im Dorf riefen aus

»Oh, welch ein Glück für dich!«
»Wir werden sehen«,

war alles, was der Bauer darauf erwiderte.
Als der Sohn des Bauern daran ging, eines der Pferde zu zähmen, warf es ihn ab und er brach sich dabei ein Bein.

»Oh, nun kann er dir nicht mehr helfen bei der Arbeit. Welch ein Unglück für dich!«
»Wir werden sehen«,

antwortete der Bauer ruhig.
Da kamen die Eintreiber des Zaren in das Dorf und zogen alle gesunden jungen Männer ein, damit sie in einem Krieg fern von der Heimat kämpfen. Der Sohn des Bauern wurde zurückgelassen, da sein Bein gebrochen war.

»Oh, welch ein Glück für dich!« ,

riefen die Dörfler.
Der Bauer gab gelassen zur Antwort:

»Wir werden sehen.«

 


Quelle: ► Chinesisches Märchen Als der alte Mann von der Großen Mauer sein Pferd verlor
Musikalische Referenz: ► Paula Wessely und Andre Heller Wenn der Herrgott net will, ORF 2,
YouTube film, 3:29 Minuten Dauer, eingestellt 18. Januar 2009

Der Diamant

Ein weiser Mann hatte den Rand seines Dorfes erreicht und ließ sich unter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen, als ein Dorfbewohner angerannt kam und sagte:

"Der Stein! Der Stein! Gib mir den kostbaren Stein!"
"Welchen Stein?"

fragte der weise Mann.

"Letzte Nacht erschien mir Gott Shiwa im Traum",

sagte der Dörfler,

"und erzählte mir, ich würde bei Einbruch der Dunkelheit am Dorfrand einen weisen Mann finden, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre."

Der weise Mann durchwühlte seinen Sack und zog einen Stein heraus.

"Wahrscheinlich meinte er diesen hier",

sagte der Weise, als er dem Dörfler den Stein gab.

"Ich fand ihn vor einigen Tagen auf einem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben."

Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant. Wahrscheinlich der größte Diamant der Welt, denn er war fast so groß wie ein menschlicher Kopf.
Er nahm schnell den Diamanten und ging weg. Die ganze Nacht wälzte er sich im Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag weckte er den weisen Mann bei Anbruch der Dämmerung und sagte:

"Gib mir den Reichtum, der es dir ermöglicht, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzugeben."
Quelle: ► Günther Hager, österreichischer Dichter, Facebook-Eintrag, 20. August 2010

Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.

Zwei reisende Engel machten Halt, um die Nacht im Hause einer wohlhabenden Familie zu verbringen.
Die Familie war unhöflich und verweigerte den Engeln im Gästezimmer des Haupthauses auszuruhen. Anstelle dessen bekamen sie einen kleinen Platz im kalten Keller.


Engel mit dem Schweißtuch, 2007
Statue auf der Sant'Angelo Brücke, Rom, Italien

Als sie sich auf dem harten Boden ausstreckten, sah der ältere Engel ein Loch in der Wand und reparierte es. Als der jüngere Engel ihn fragte,

"Warum tust du das?",

antwortete der ältere Engel:

"Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen."

 

In der nächsten Nacht rasteten die beiden im Haus eines sehr armen, aber gastfreundlichen Bauern und seiner Frau. Nachdem sie das wenige Essen, das sie hatten, mit ihnen geteilt hatten, ließen sie die Engel in ihrem Bett schlafen, wo sie gut schliefen.
Als die Sonne am nächsten Tag den Himmel erklomm, fanden die Engel den Bauern und seine Frau in Tränen. Ihre einzige Kuh, deren Milch ihr alleiniges Einkommen gewesen war, lag tot auf dem Feld. Der jüngere Engel wurde wütend und fragte den älteren Engel, wie er das habe geschehen lassen können?

"Der erste Mann hatte alles, trotzdem halfst du ihm",

meinte er anklagend.

"Die zweite Familie hatte wenig, und du ließest die Kuh sterben."

 

Der ältere Engel sagte:

"Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen",
"Als wir im kalten Keller des Haupthauses ruhten, bemerkte ich, dass Gold in diesem Loch in der Wand steckte. Weil der Eigentümer so von Gier besessen war und sein glückliches Schicksal nicht teilen wollte, versiegelte ich die Wand, so dass er es nicht finden konnte.
Als wir dann in der letzten Nacht im Bett des Bauern schliefen, kam der Engel des Todes, um seine Frau zu holen. Ich gab ihm die Kuh anstatt dessen. Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.

Angst vor dem Unbekannten


Haustür, Isfahan, Iran

 

            Die schwarze Tür zur Freiheit            

 

Ein Minister hatte seinem König lange Jahre treu gedient. Eines Tages aber wurde er wegen Hochverrats angezeigt und überführt, ihn erwartete die Todesstrafe. Der König gewährte ihm wegen seiner langjährigen Dienste die Gnade, seine Todesart zu wählen. Er führte ihn in einen Saal, wo die Hinrichtungswaffen lagen. Dort zeigte er ihm auch eine schwarze Tür. Der Minister wählte eine der Todesarten. Die Königin fragte danach, was denn hinter der schwarzen Tür sei?
Der König antwortete:
"'Das große weite Land der Freiheit. Da die Menschen Angst haben vor dem Unbekannten, öffnen nur ganz wenige die schwarze Tür."'

 

Quelle: ► Hildegunde Wöller (*1938) deutsche evangelische Theologin, kirchliche Rundfunkredakteurin,
Lektorin, Autorin, Meine Uhr geht nach dem Mond, S. 23, Kreuz-Verlag, Mai 1986
Siehe auch: ► Angst

Midlife-Krise – Verjüngung des Adlers (Phoenix)

Der Adler wird normalerweise dreißig bis fünfzig Jahre alt. Der Legende nach kann er auch siebzig Jahre alt werden, wenn er in seinem vierzigsten Lebensjahr eine schwere, äußerst wichtige Entscheidung trifft.

 

Als der Adler vierzig Jahre alt war, began die Schärfe seiner Krallen nachzulassen, weswegen er nicht mehr so gut Tiere erbeuten konnte. Sein Schnabel sah aus  wie eine Sichel. Lang und krumm geworden, berührte er beim Fressen beinahe seine Brust und störte. Sein Federkleid war dicht geworden, so dass seine Flügel schwer wogen und das Fliegen ihm Mühe machte.

 

Der Adler konnte entweder auf den Tod warten oder sich entscheiden, eine schmerzliche Phase der Erneuerung zu durchlaufen.

 

Um sich zu verjüngen, musste er mühsam zu einem überhängenden Felsen fliegen, wo sich keine anderen Vögel oder Tiere aufhielten. Dort sollte er etwa 150 Tage lang bleiben.

 

Zuerst musste er seinen Schnabel am Felsen abwetzen, bis er mit Haut und Horn vollständig abfiel. Dann wartete er, bis ihm ein neuer Schnabel nachgewachsen war. Diesen benutzte er als Meißel, um sich damit die Krallen von seinen Zehen auszuklopfen. Nachdem ihm neue Krallen nachgewachsen waren, rupfte er seine alten Federn aus. Nach fünf Monaten war ihm ein neues Federkleid gewachsen.
Nun konnte er wieder unbehindert fliegen, jagen und fresen. Er lebte noch weitere dreißig Jahre.

 

Seine Vergangenheit und überalterte Dinge und Gewohnheiten abzulegen, ist ein schmerzhafter Vorgang von Tod und Geburt, Erneuerung und Wiederbelebung.

 

⚠ Achtung: Die Geschichte ist eine Internet-Ente
Reference: ► Rebirth Of The Eagle Hoax
Siehe auch: ► Phoenix – Phoenix rising from the ashes

Drei Steinmetze


Gotisches Fenstermaßwerk
mit hohen technischen Anforderungen
Kloster Bebenhausen

 

Ein Steinmetz wird gebeten:

Beschreibe deine Arbeit.

Er antwortet:

Ich behaue Steine.

Ein Kollege aus der Bauhütte wird gebeten:

Beschreibe deine Arbeit.

Er gibt zur Antwort:

Ich baue Mauern.

Ein Dritter in der Runde wird gebeten:

Beschreibe deine Arbeit.

Er sagt:

Ich baue an einem Dom.

 

Jede Form von Arbeit kann zum Bau eines Doms beitragen.

 

Erkenntnisreise eines Steinhauers

Ein unglücklicher Steinmetz wünschte sich, ein anderer zu sein, mit einer anderen Position im Leben. Eines Tages kam er am Anwesen eines reichen Kaufmannes vorbei. Der Steinmetz beneidete den reichen, von vielen geachteten Kaufmann und wünschte sich seinen Lebenstil zu übernehmen. Zu seiner Verwunderung verwandelte er sich schlagartig in einen Kaufmann, der mehr Macht und Luxus besaß als er jemals zu träumen gewagt hätte. Doch die Armen beneideten und verachteten ihn. Somit hatte er mehr Feinde als er es jemals für möglich gehalten hatte.

 

Dann sah er einen hohen Beamten, der von Dienern getragen und von Soldaten eskortiert wurde und vor dem sich alle verneigten. Er war der mächtigste und geachtetste Mann im ganzen Reich. Und der ehemalige Steinmetz und jetzige Kaufmann wünschte sich, wie jener hohe Beamte zu sein, Diener zu haben und Soldaten, die ihn bewachten, und mächtiger zu sein als alle anderen. Auch dieser Wunsch wurde ihm gewährt. Er verwandelte sich in den hohen Beamten, der auch der am meisten gefürchtete und gehasste Mann des Reichs war und nur deshalb so viele Soldaten zu seinem Schutz  brauchte.

 


Österreichische Steinmetz-Münze im Wert von 500 Schilling

Die Sonne sandte stechende Strahlen zur Erde. Die Hitze war dem hohen Beamten sehr unangenehm, machte ihn mürrisch und verdrießlich. Er schaute zur Sonne empor und sagte bei sich:

"Wie mächtig sie ist. Ich wünschte, ich könnte die Sonne sein."

Es dauerte nicht lange, da war er die Sonne, die auf die Erde schien. Doch dann schob sich eine große, dunkle Wolke vor ihn und versperrte seinen Strahlen den Weg. Er dachte,

"Wie mächtig die Wolke ist. Ich wünschte, ich wäre so mächtig wie die Wolke."

Und so wurde er zur Wolke, die den Sonnenstrahlen den Weg versperrte und auf die Dörfer regnete. Doch ein starker Wind kam auf und blies die Wolke fort.

"Ich wünschte, ich wäre so mächtig wie der Wind",

dachte er, und als er es aussprach, verwandelte er sich in den Wind. Doch der Wind konnte zwar Bäume entwurzeln und ganze Dörfer verheeren, aber er konnte nichts gegen einen Stein ausrichten. Der große Stein rührte sich nicht von der Stelle, er widerstand der geballten Macht des Windes.

"Wie mächtig dieser Stein ist",

dachte der Wind.

"Oh, wie gern wäre ich so mächtig wie er."

 

Und er verwandelte sich in den großen Stein, der der geballten Kraft des Windes widerstanden hatte. Jetzt war er endlich glücklich, im Besitz der großen Macht auf Erden. Da hörte er ein Geräusch: klick, klick, klick. Ein Hammer trieb einen Meißel in den Stein und brach ihn Stück für Stück entzwei.

"Was könnte mächtiger sein als ich?",

fragte sich der Stein. Und siehe da, am Fuße des großen Steines, stand ... ein Steinmetz.

 

Viele Menschen suchen ihr Leben lang nach Glück und finden es nicht, weil sie an der falschen Stelle suchen. Wenn man nach Osten schaut, sieht man den Sonnenuntergang nicht. Wenn man es in seiner unmittelbaren Umgebung sucht, findet man das Glück nicht.

Freundschaft – in Sand und Stein

Zwei Freunde wanderten durch die Wüste. Während der Wanderung kam es zu einem Streit und der eine schlug dem anderen im Affekt ins Gesicht.
Der Geschlagene war gekränkt. Ohne ein Wort zu sagen, kniete er nieder und schrieb folgende Worte in den Sand:

"Heute hat mich mein bester Freund ins Gesicht geschlagen."

View of the Atlantic Ocean from Leblon, Rio de Janeiro, Brazil

Sie setzten ihre Wanderung fort und kamen bald darauf zu einer Oase. Dort beschlossen sie beide, ein Bad zu nehmen. Der Freund, der geschlagen worden war, blieb auf einmal im Schlamm stecken und drohte zu ertrinken. Aber sein Freund rettete ihn buchstäblich in letzter Minute.
Nachdem sich der Freund, der fast ertrunken war, wieder erholt hatte, nahm er einen Stein und ritzte folgende Worte hinein:

"Heute hat mein bester Freund mir das Leben gerettet."

Der Freund, der den anderen geschlagen und auch gerettet hatte, fragte erstaunt:

"Als ich dich gekränkt hatte, hast du deinen Satz nur in den Sand geschrieben, aber nun ritzt du die Worte in einen Stein. Warum?"

Der andere Freund antwortete:

"Wenn uns jemand gekränkt oder beleidigt hat, sollten wir es in den Sand schreiben, damit der Wind des Verzeihens es wieder auslöschen kann. Aber wenn jemand etwas tut, was für uns gut ist, dann können wir das in einen Stein gravieren, damit kein Wind es jemals löschen kann."

 

Urheber und Herkunft unbekannt

Jede Minute ist kostbar.

Mein Freund öffnete eine Schublade der Kommode seiner Frau und holte daraus ein kleines Paket hervor, das in Seide eingewickelt war: Dies ist nicht einfach ein Paket, darin ist feine Wäsche. Er betrachtete die Seide und die Spitze. Dies habe ich ihr vor acht oder neun Jahren in New York gekauft, ohne dass sie es je getragen hat. Sie wollte es aufbewahren, für eine besondere Gelegenheit. Nun ja, ich glaube jetzt ist der Augenblick gekommen. Er ging zum Bett und legte das Päckchen zu den anderen Sachen, die der Bestatter mitnehmen würde.

 


Pendulum clock Ansonia, 1904

Seine Frau war gestorben.
Er drehte sich zu mir um und sagte:

Hebe niemals etwas für einen besonderen Anlass auf. Jeder Tag, den du erlebst, ist besonders!

 

Ich denke oft an seine Worte, denn sie haben mein Leben verändert. Heute lese ich viel mehr als früher und putze weniger. Ich setze mich auf meine Terrasse und genieße den Blick in die Natur, ohne mich am Unkraut im Garten zu stören. Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden und arbeite weniger. Ich habe begriffen, dass das Leben aus einer Sammlung an Erfahrungen besteht, die man zu schätzen wissen sollte. Außerdem schone ich nichts. Ich nehme die guten Kristallgläser jeden Tag, und ziehe meine neue Jacke zum Einkaufen im Supermarkt an, wenn mir danach ist. Ich hebe mein bestes Parfum nicht mehr für Festtage auf, sondern trage es, wenn ich Lust darauf habe. Sätze wie irgendwann und eines Tages habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen. Wann immer es sich lohnt, will ich, was mir in den Sinn kommt, gleich sehen, hören und ausprobieren.

 

Ich weiß nicht, was die Frau meines Freundes getan hätte, hätte sie gewusst, dass sie morgen nicht mehr unter uns ist (ein Morgen, das uns einerlei erscheint). Ich denke, sie hätte ihre Familienangehörigen und ihre engen Freunde angerufen. Vielleicht hätte sie sich bei alten Freunden für einen Streit entschuldigt, der schon längere Zeit zurücklag. Ich stelle mir gern vor, dass sie chinesisch essen gegangen wäre (zu ihrem Lieblings-Chinesen).  

 

Es sind die unscheinbaren, nie getanen Dinge, die mir leid täten, versäumt zu haben, wenn ich wüsste, dass meine Stunden gezählt sind. Ich wäre traurig, gute Freunde nicht mehr getroffen zu haben, mit denen ich schon so lange Kontakt aufnehmen wollte (… irgendwann, eben). Traurig, dass ich die Briefe nicht mehr geschrieben habe, die ich schreiben wollte irgendwann eben. Traurig, dass ich meinen Lieben nicht oft genug gesagt habe, dass ich sie liebe. Inzwischen verschiebe ich nichts mehr, bewahre nichts für eine besondere Gelegenheit auf, was ein Lächeln in unser Leben bringen könnte. Ich sage mir, dass jeder Tag ein besonderer Tag ist.

 

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist kostbar.

 

Urheber und Herkunft unbekannt

Buddha durchschaut den Revolutionär.

Buddha hat nie gesagt, dass die Welt Leiden sei.
Er sagte: "Die Welt ist geistgemacht."
Buddha lehrte, dass das Ego-Mind des Menschen das Leiden hervorbringt.

 

Ein Revolutionär sagte zu Buddha:

"Die Welt leidet. Ich empfinde tiefes Mitleid und möchte der Menschheit dienen.
Sag' mir, was ich tun kann? "

Buddha betrachtete ihn und blieb stumm.
Sein Jünger Ananda schaltete sich ein:

"Dieser Mann scheint aufrichtig zu sein. Führe ihn. Weshalb schweigst du?"

Schließlich antwortete Buddha dem Revolutionär:

''Du möchtest der Welt dienen? Doch wo bist du?
Wenn ich in dich hineinschaue, sehe ich, dass niemand da ist. Du ruhst nicht in deiner Mitte.
Und solange du ohne Mitte bist, wirst du mehr Leiden erzeugen."

 

See also: ► Welt und ► Schmerz und ► Leiden und ► Echtheit und ► Dienen und ► Buddha

Kalif und Knecht – Verabredung mit dem Tod

Ein reicher und angesehener Kalif schickte einen seiner Knechte auf den Markt zum Einkaufen. Kurze Zeit später stand der Knecht mit leeren Händen, bleich und am ganzen Leib zitternd vor ihm. Er warf sich vor seinem Herrn auf die Knie und flehte ihn an:

"Herr, ich muss fliehen! Leih mir bitte dein schnellstes Pferd! Ich muss schleunigst fort! Ich muss weg von hier, diesem schrecklichen Ort!"
"Bei Allah, was ist geschehen?",

entgegnete ihm der Kalif.


Totenkopf-Mosaik, Pompeji, Italien
"Er ist mir begegnet. Mitten auf dem Marktplatz traf ich ihn. Groß und schwarz stand er vor mir, mit einem breiten schwarzen Hut, der TOD! Angesehen hat er mich, und ich glaube, er wollte mich packen. Er hat es auf mich abgesehen. Ich bin gerannt, so schnell ich konnte, um zu dir zu gelangen. Du allein kannst mir helfen. Leih mir dein schnellstes Pferd! Ich will nach Ashdod fliehen! Das ist eine Hafenstadt. Da gibt es Millionen Menschen. Da sind enge Gassen. Da werde ich mich verstecken."

Der Kalif empfand großes Mitleid mit seinem verstörten Diener. Er lieh ihm sein schnellstes Pferd. Sein Diener jagte davon. Noch vor Einbruch der Dunkelheit wollte er Ashdod, die ferne Hafenstadt, erreichen. Dort konnte er vor dem Tod sicher sein.

 

Der Kalif aber war neugierig geworden. Ihn wunderte die Beschreibung des Todes, mehr aber noch die Vorstellung, dass der Tod seinen Diener absichtlich erschreckt habe. So entschloss er sich, zum Markt zu gehen, um den Tod zu treffen. Das bunte und geschäftige Treiben des Marktes nahm ihn augenblicklich gefangen. Es dauerte nicht lange, bis ihm Zweifel an der Schilderung seines Knechtes kamen.
Was sollte der Tod wohl mitten in der Hektik des alltäglichen Marktgeschreis?
Doch dann sah er die Gestalt. Wie beschrieben, groß und schwarz, mit einem breiten schwarzen Hut. Er folgte der Gestalt. Bald standen sie sich gegenüber. Es gab keinen Zweifel mehr, das war der TOD.
Der Kalif sah ihn an und fragte:

"Du hast heute morgen meinen Knecht erschreckt. Warum? Hattest du eine Verabredung mit ihm?"

Der Tod sah den Kalifen an, zuckte kurz mit den Achseln und sprach mit ruhiger Stimme:

"Nein Kalif, ich wollte deinen Knecht nicht erschrecken. Ich habe keinen Grund dafür. Eine Verabredung habe ich wohl mit ihm. Jedoch nicht heute, erst morgen. Allerdings nicht hier, sondern weit weg von hier in der Hafenstadt Ashdod. Es hatte mich sehr verwundert, deinen Knecht heute hier antzutreffen. Denn wie will es gelingen, bis morgen nach Ashdod zu kommen?"

Ringparabel aus "Nathan der Weise"

Sultan Saladin1 lässt den weisen Juden Nathan zu sich rufen, um ihn zu fragen:

"Welche der drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Judentum) hältst Du für die wahre Religion?"

Nathan erkennt die ihm gestellte Falle:

  1. Erklärt er seine jüdische Religion zur "einzig wahren", wird Saladin das als Majestätsbeleidigung auffassen.
  2. Schmeichelt er hingegen dem muslimischen Sultan, muss er sich fragen lassen, weshalb er noch Jude sei.

Er antwortet er mit einem Gleichnis:

"Ein Mann besitzt einen Ring, ein wertvolles Familienerbstück, das die Eigenschaft hat, seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, wenn der Besitzer ihn in zuversichtlich trägt. Über viele Generationen wurde dieser Ring vom Vater an jeweils den Sohn vererbt, den er am meisten liebte. Eines Tages jedoch hat der Vater drei Söhne und will keinen davon bevorzugen. Deshalb lässt er sich von einem Künstler exakte Duplikate des Rings herstellen und vererbt jedem seiner Söhne einen der Ringe. Er versichert jedem, sein Ring sei der echte. Nach dem Tod des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um klären zu lassen, welcher von den drei Ringen der echte sei. Außerstande, dies zu ermitteln, erinnert der Richter die drei Parteien daran:
"Der echte Ring hat die Eigenschaft, den Träger bei Gott und Menschen beliebt zu machen. Wenn dies  bei keinem von euch drei Brüdern eingetreten ist, so ist der echte Ring wohl verloren gegangen."
"Die Frage, wann dies geschehen sein könnte, lässt der Richter often, denn auch der geerbte Ring des Vaters kann bereits unecht gewesen sein. Er rät den Söhnen zum Abschied:
"Glaubt alle daran, dass euer Ring der echte ist. Euer Vater hat euch alle drei gleich gern gehabt und es deshalb nicht ertragen können, einen von euch zu begünstigen und traditionsgemäß die beiden anderen beiden zu kränken. Wenn einer der Ringe der echte ist, dann wird sich dies in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Bemühe sich jeder von euch Ringträgern, in seinem Leben von seinen Mitmenschen geliebt zu werden."
Inspiriert durch: ► Ringparabel aus dem Theaterstück Nathan der Weise, 1779, von Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781) deutscher Philosoph, Kunstkritker, Publizist, Dramatiker, bedeutender Dichter der deutschen Aufklärung
Siehe auch: ► Weisheit

Die Wäsche

Ein junges Paar zieht in eine neue Nachbarschaft. Am nächsten Morgen, während sie ihr Frühstück essen, sieht die junge Frau, wie ihre Nachbarin draußen ihre Wäsche aufhängt.


Wäsche über der Straße zum Trocknen aufgehängt, Italien
"Die Wäsche ist nicht sehr sauber; sie weiß nicht, wie man richtig wäscht. Vielleicht braucht sie ein besseres Waschmittel."

Ihr Mann sieht zu und bleibt ruhig. Jedes Mal, wenn ihre Nachbarin ihre Wäsche aufhängt, um sie zu trocknen, gibt die junge Frau die gleichen Kommentare von sich.
Einige Tage später ist die Frau überrascht, als sie eine schöne, saubere Wäsche auf der Leine zu sehen bekommt, und sagt zu ihrem Mann:

"Schau mal, sie hat endlich gelernt, wie man richtig wäscht. Ich frage mich, wer ihr das beigebracht hat?"

Der Mann erwidert:

"Ich bin heute Morgen früh aufgestanden und habe unsere Fenster geputzt."

 

Und so verhält es sich auch mit dem Leben […] Was wir sehen, wenn wir andere beobachten,
hängt davon ab, wie klar unsere Fensterscheiben sind, durch die wir sehen.

 

Quelle: ► Paulo Coelho (*1947) brasilianischer esoterischer Schriftsteller, 10 Sekunden Lektüre:
Die Wäsche ist nicht sehr sauber
, präsentiert von Gute Nachrichten, 11. April 2014
Source: ► English original: 0 sec reading: the laundry is not very clean, 4. April 2014

Die grüne Schlange und die weiße Lilie

Kaum hatte die Schlange dieses ehrwürdige Bildnis angeblickt, als der König zu reden anfing und fragte:
"Wo kommst du her?"
"Aus den Klüften", versetzte die Schlange, "in denen das Gold wohnt."
"Was ist herrlicher als Gold?", fragte der König.
"Das Licht", antwortete die Schlange.
"Was ist erquicklicher als Licht?", fragte jener.
"Das Gespräch", antwortete diese.
Quelle: ► Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) deutscher Universalgelehrter, Bühnendichter, Schriftsteller,
Das Märchen von der grünen Schlange und der weißen Lilie, Futurum, 3. unveränderte Auflage 1995

Neuer Wein in neue Schläuche

Ein Professor wanderte weit hinauf in die Berge, um einen bekannten Zenmönch aufzusuchen. Als der Professor bei ihm eintraf, stellte er sich höflich vor, nannte seine akademischen Titel und bat den Gottesdiener um Unterweisung.

 

Möchten Sie Tee?,

fragte der Mönch.

Ja, gern,

sagte der Professor.
Der alte Mönch schenkte Tee ein. Als die Tasse war voll, goss der Mönch weiter ein, bis der Tee überfloss und sich als Lache auf dem Tisch ausbreitete und auf den Boden tropfte.

Genug!,

rief der Professor.

Sehen Sie nicht, dass die Tasse schon voll ist? Es passt nicht mehr in sie hinein.

 

Der Mönch antwortete:

Genau so voll wie diese Tasse sind auch Sie mit Wissen und Vorurteilen angefüllt.
Um Neues zu lernen, müssen Sie Ihre Tasse erst einmal leeren.

Lustige Geschichten

Jeder, Jemand, Irgendjemand und Niemand

Vier Kollegen namens JEDER, JEMAND, IRGENDJEMAND und NIEMAND waren beauftragt,
eine wichtige Arbeit zu erledigen.

JEDER war sicher, dass sich JEMAND darum kümmert. IRGENDJEMAND hätte es tun können,
aber NIEMAND tat es.

JEMAND wurde wütend, weil es JEDERS Arbeit war. JEDER
dachte, IRGENDJEMAND könnte es machen, doch NIEMAND wusste,
dass JEDER es nicht tun würde.

Schließlich beschuldigte JEDER JEMAND, weil NIEMAND tat,
was IRGENDJEMAND hätte tun können.

 

Quelle unbekannt

Was wäre wenn? Geschichte mit dem Hammer

Ein Mann will ein Bild aufhängen.
Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer.
Der Nachbar hat einen.
Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen.
Doch da kommt ihm ein Zweifel:
"Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will?
Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig.
Vielleicht war er in Eile.
Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich.
Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein.
Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort.
Und warum er nicht?
Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen?
Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben.
Und da bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen.
Bloß weil er einen Hammer hat.
Jetzt reicht's mir wirklich."

Und so stürmt er hinüber, läutet.
Der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann,
schreit ihn unser Mann an:
"Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!"
Quelle: ► Paul Watzlawick (1921-2007) österreichisch-US-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Soziologe, Philosoph, Autor, Anleitung zum Unglücklichsein, Piper Verlag, München, Erstausgabe 1983, S. 37-38, 1988,
15. Auflage November 2009

 

Links zu Geschichtensammlungen / Story collections

Externe Weblinks

External web links (engl.)

Excerpted from: A Christmas Carol, Chapman & Hall, London, 19. December 1843

Audio- und Videolinks

Audio and video links (engl.)

 

Interne Links

Englisch Wiki

Hawkins

Englisch Hawkins

 

 

1 Saladin? (1137-1193) kurdischstämmiger erster Sultan von Ägypten, ab 1171 und Sultan von Syrien, ab 1174

Letzte Bearbeitung:
28.05.2017 um 13:04 Uhr

Page generated in 1,323 seconds.