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Zen Geschichten

Am Anfang sind Berge Berge, und Flüsse sind Flüsse.
In der Mitte sind Berge keine Berge, und Flüsse sind keine Flüsse.
Am Ende sind Berge wieder Berge, und Flüsse sind Flüsse.
Zen-Weisheit
FormLeerheit. Leerheit – Form. Form ist nichts anderes als Leerheit, und Leerheit ist nichts anderes als Form. Herz-Sutra (klassische Formel zur Auflösung des Widerspruchs von Vielfalt und Einheit)


Die wahre Natur ist ewig, freudig, selbstlos und rein. Kanzeon Sutra. Japanisches Zen
Wenn Ihr ganz ungezwungen dahergeht, so geht ihr in der Harmonie des Ungeborenen. Meister Bankei, Zen-Lehrer, Die Zen-Lehre vom Ungeborenen, Hg. Norman Waddell, O.W.Barth Verlag, Bern, 1988
Es ist zu nah, um es erkennen,
es ist zu tief, das Denken fasst es nicht.
Es ist zu leicht, dass wir es glauben könnten,
es ist einfach zu schön, um wahr für uns zu sein.

Kalu Rinpoche, Der Dharma, der wie Sonne und Mond alle Wesen erleuchtet, S. 141, Kagyu Dharma, Wachendorf, 1990


Die Ablenkung

Geh' zum Fluss und hole mir eine Tasse Wasser, sagte der Zen-Meister zu seinem Schüler.

Als der Schüler am Fluss die Tasse mit Wasser füllte, sah er flussaufwärts eine wunderschöne Frau in seinem Alter. Die Frau nahm ihn ebenfalls in Augenschein, und mit einem Mal verliebten sie sich unsterblich ineinander. Er zog zu ihr auf das Gut ihrer Familie in einem ruhigen Dorf, und sie bauten ein Haus. Über die Jahre wurden ihnen Kinder geboren. Sie waren glücklich miteinander und ernährten sich von der Landwirtschaft, die sie betrieben.

Eines Tages kam eine Flut. Das Dorf wurde überschwemmt, und er musste sich mit seiner Familie auf das Dach des Hauses retten. Da zog ein großer Sturm auf. Seine Kinder wurden eins nach dem anderen vom reißenden Wasser fortgerissen und schließlich ertranken sie darin. Auch seine Frau wurde fortgespült und kam in den Fluten um. Als der Sturm sich legte, saß er einsam und verzweifelt zusammengekauert auf dem Dach seines Hauses. Er starrte in die Luft. Ein Alptraum - nach all den glücklichen und schönen Jahren!

Da legte sich von hinten eine Hand auf seine Schulter. Es war die Hand seines Meisters, der ihn fragte: Wo bleibst du so lange? Wolltest du nicht bloß eine Tasse Wasser holen? Frei nach Om Parkin, Die Geburt des Löwen, S. 102f


Tragend – nachtragend

Zwei Mönche waren unterwegs auf der Wanderschaft. Eines Tages gelangen sie ans Ufer eines Flusses, dessen Ufer durch eine Regenperiode aufgeweicht waren.

Dort stand eine junge Frau in schönen, teuren Kleidern. Offenbar war sie im Begriff, den Fluss zu überqueren. Da das Wasser sehr tief war, hätte sie ihn nicht durchwaten können, ohne dabei ihre Kleider zu schädigen.

Ohne zu zögern ging der ältere Mönch auf die Frau zu, hob sie auf seine Schultern und watete mit ihr durch das Wasser. Auf dem gegenüber liegenden Flussufer setzte er sie trockenen Fusses ab.

Nachdem der jüngere Mönch ebenfalls den Fluss überquert hatte, setzten die beiden ihre Wanderung fort.

Eine Stunde später fing Jüngere an, den seinen älteren Kameraden zu kritisieren: Bist du dir im Klaren, dass du nicht korrekt gehandelt hast, denn wie du weißt, ist es untersagt, näheren Kontakt mit Frauen zu haben oder mit ihnen zu sprechen. Und du hast sie sogar berührt. Wieso hast du gegen diese Regel verstoßen?

Der Mönch, der die Frau über den Fluss getragen hatte, hörte sich die Vorwürfe des anderen mit Bedacht an. Dann antwortete er ruhig: Ich habe die Frau vor einer Stunde am Fluss abgesetzt. Wie erklärst du dir, dass du sie noch immer mit dir herumträgst? frei nachempfunden aus Weisheit der Zenmeister


Der immer anwesende Gänseschwarm

Eines Tages machte ein Zen-Lehrer mit seinen Schülern einen Spaziergang auf dem Lande. Einer der Mönche trödelte und blieb zurück. Plötzlich sah er einen Wildgänseschwarm auf- und vorbeifliegen. Er genoss die farbenprächtige Szenerie, den Anblick ihrer Schnelligkeit und ihr Flügelrauschen.

Der entzückte Mönch rief: Meister, Meister sieh die Gänse! Als der Lehrer sich umwandte, war der Vogelschwarm bereits am Horizont verschwunden. Oh, sagte der Mönch, sie sind verschwunden.

Der Meister kam auf ihn zu, hob seinen Stock und sagte: Oh, du Unwissender, und schlug ihn mit dem Stock. Sie sind immer hier, sie sind niemals hier. frei nachempfunden Erich Fromm in Mexiko, Jorge Silva-Garcia


Der Dieb und der Zen-Meister

Eines Tages drang ein Dieb in die Hütte des Zen-Meisters Shichiri Kojun ein:

Geld her oder ich werde dich töten!, drohte er.

Kojun erwiderte ruhig:

Mein Geld ist dort drüben in der Schublade. Nimm es dir, aber vielleicht bist du so nett und lässt mir noch ein klein wenig übrig, da ich morgen noch etwas Reis einkaufen möchte.

Der Dieb war zwar sehr erstaunt, nahm sich dann aber doch fast das ganze Geld. Als er schon an der Tür war, sagte Kojun:

Wenn man etwas erhalten hat, sollte man sich auch dafür bedanken.
Danke, erwiderte der Dieb kopfschüttelnd und verschwand.

Wenig später wurde der Mann bei einem anderen Einbruch verhaftet, und er gestand, unter anderem auch den Zen-Meister bestohlen zu haben, der daraufhin zur Polizeiwache gerufen wurde.

Er hat auch euer Geld gestohlen, nicht wahr?, fragte der Polizist.
Oh nein, er hat mir nichts gestohlen. Ich gab ihm das Geld, und er bedankte sich dafür,

sagte Kojun. Als der Mann seine wegen der anderen Vergehen gegen ihn verhängte Strafe verbüßt hatte, kam er zu Zen-Meister Kojun und bat darum, sein Schüler werden zu dürfen.

Marco Aldinger, Was ist die ewige Wahrheit? Geh weiter!, S. 70, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1998


Der General und der Zen-Meister

In Korea gab es zur Zeit der Bürgerkriege einen ganz besonders grausamen General, der Menschen wahllos niedermetzelte und vor dessen Truppen alle flohen.
Nur ein Zen-Meister machte keine Anstalten zu fliehen, als der General mit seinen Männern das Dorf einnahm. Der General ging in das Kloster, zog vor dem Meister sein Schwert und drohte:

Weißt du nicht, wer ich bin? Ohne mit den Wimpern zu zucken kann ich dich töten.

Der Zen-Meister erwiderte sanft:

Und du, weißt du nicht wer ich bin? Ich bin ein Mann, den man töten kann, ohne dass er mit der Wimper zuckt.

Da verneigte sich der General und untersagte seinen Männern, das Dorf zu plündern.
Marco Aldinger, Was ist die ewige Wahrheit? Geh weiter!, S.144, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1998


Die Aufgabe des Leidens

Ein bereits älterer Mönch kam zu einem Zen-Meister und sagte:

Ich habe in meinem Leben eine Vielzahl von spirituellen Lehrern aufgesucht und nach und nach immer mehr Vergnügungen aufgegeben, um meine Begierden zu bekämpfen. Ich habe lange Zeit gefastet, jahrelang mich dem Zölibat unterworfen und mich regelmäßig kasteit. Ich habe alles getan, was von mir verlangt wurde, und ich habe wahrhaft gelitten, doch die Erleuchtung wurde mir nicht zuteil. Ich habe alles aufgegeben, jede Gier, jede Freude, jedes Streben fallengelassen. Was soll ich jetzt noch tun?

Der Meister erwiderte:

Gib das Leiden auf!
Marco Aldinger, Was ist die ewige Wahrheit? Geh weiter!, S. 20, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1998


Der Weg zur Befreiung

Ein junger Mann suchte einen Zen-Meister auf, um ihn zu fragen:

Meister, wie lange wird es dauern, bis ich Befreiung erlangen werde?
Vielleicht zehn Jahre,

entgegnete der Meister.

Und wie lange dauert es, wenn ich mich besonders anstrenge?,

fragte der Schüler.

In diesem Fall kann es zwanzig Jahre dauern,

erwiderte der Meister.

Ich will so schnell wie möglich ans Ziel gelangen und bin bereit, wirklich jede Härte auf mich zu nehmen,

beteuerte der Mann.

Dann kann es bis zu vierzig Jahren dauern,

erwiderte der Meister.
inspiriert durch: Marco Aldinger, Was ist die ewige Wahrheit? Geh weiter!, S. 117, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1998


Der lernwillige Schachspieler

Ein leidenschaftlicher Schachspieler wünschte Befreiung von seiner Neigung, sich als Versager zu fühlen, jedesmal wenn er eine Partie Schach verloren hatte, der Meinung.

  1. Nachdem er zwei Jahre bei einem berühmten Rabbi in die Lehre gegangen war, glaubte er, versagt zu haben, jedesmal wenn er gewonnen hatte.
  2. Anschließend war er drei Jahre lang der Schüler eines Sufi-Weisen, von dem er lernte, dass er versagt hatte, jedesmal wenn er sich als Verlierer gut fühlte.
  3. Immer noch unbefriedigt, ging er vier Jahre lang in die Himalayaberge, wo er von einem bekannten Yogi lernte, dass er versagt hatte, jedesmal wenn er sich schuldig fühlte, weil er gewonnen hatte.
  4. Schließlich begegnete er einem Zen-Meister.
  5. Innerhalb weniger Wochen lernte er endlich, wie man die Bauern geschickt platziert.

inspiriert durch: Marco Aldinger, Was ist die ewige Wahrheit? Geh weiter!, S. 38, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 1998


Entspannung – Konzentration

Was machst du, um dich zu entspannen?,

fragt der Schüler seinen Meister.

Nichts,

erwiderte der Meister.

Wenn ich gehe, gehe ich,
wenn ich esse, esse ich,
und wenn ich schlafe, schlafe ich.
Das tun doch alle,

meinte der Schüler darauf.

Eben nicht!,

antwortete der Meister.
inspiriert durch: Wolfgang Schömbs, Entspannt Konzentriert,
S. 133, Econ Verlag, Düsseldorf, Wien 1991


Der Schuss löst sich von selbst

Unterlass' es, an den Abschuss zu denken. Sonst muss er misslingen!,

riet der Meister.

Ich kann nicht anders, die Spannung bereitet mir Schmerzen,

gestand ich.

Nur deshalb, weil du nicht wirklich von sich selbst losgelöst bist, spürst du die Spannung. Du kannst von einem gewöhnlichen Bambusblatt lernen, worauf es ankommt. Es wird durch die Schneelast es herabgedrückt, immer tiefer. Plötzlich rutscht die Schneelast ab, ohne dass das Blatt sich gerührt hätte. Verweile wie das Blatt in der höchsten Spannung, bis der Schuss fällt.
So ist es in der Tat: wenn die Spannung erfüllt ist, muss der Schuss fallen. Er muss vom Schützen abfallen, wie die Schneelast vom Bambusblatt, noch ehe er daran gedacht hat.

Inspiriert durch: Eugen Herrigel, Zen in der Kunst des Bogenschießens, S. 60, O.W. Barth Verlag, Bern, München, Wien, 1986


Angst

Einst saß ein alter, weiser Mann unter einem Baum und sah den Seuchengott des Weges kommen. Der Weise fragte ihn:

Wohin gehst Du?

Der Seuchengott antwortete ihm:

Ich gehe in die Stadt und werde dort hundert Menschen töten.

Auf seiner Rückreise kam der Seuchengott wieder bei dem Weisen vorbei. Der Weise sprach zu ihm:

Du sagtest mir, dass Du hundert Menschen töten wolltest. Reisende haben mir allerdings berichtet, dass zehntausend gestorben wären.

Der Seuchengott erwiderte:

Ich tötete nur hundert. Die anderen hat die eigene Angst umgebracht.


Den Augenblick meistern

In den Raum eines Zen-Meisters tropfte der Regen durch das undichte Dach. Der Meister forderte seine Diener auf:

Bringt mir etwas, das die Strohmatten trocken hält.

Ohne einen Augenblick zu zögern, griff der erste Mönch zu einem Bambuskorb. Sein Bruder hingegen suchte nach einem geschlossenen Behälter.
Der Meister war hocherfreut über den Diener, der den undichten Korb gebracht hatte, denn dieser hatte den Geist des Zen ('Nicht-Unterscheidung' nach D.T. Suzuki) erfasst. Die 'Schule des Augenblicks' fragt nicht nach dem "praktisch angemessenen" Eimer, sondern legt Wert auf spontanes "richtiges" Handeln.



Sufi Geschichten

Ein Sufi wurde gefragt:

Wieso dulden Sie unbesonnene Fragen?

Lächelnd antwortete er:

Um uns allen die Gelegenheit zu bieten, Fragen der Art kennenzulernen, wie Sie sie soeben gestellt haben.

Der Schlüssel im Herzen
Als Gott die Welt erschuf, waren die Menschen noch alle bei ihm in seinem himmlischen Reich. Es war Gottes Wille, dass sie sich auf die Erde begäben, die Er für sie bestimmt hatte.

Was können wir tun, fragte der Erzengel Gabriel,
damit sie nicht immer hierher zu uns in den Himmel kommen? Sie sollen dort leben, wo sie hingehören – auf der Erde.

Gott und die Erzengel berieten.
Der Engel Michael sagte:

Wir müssen den Himmel verschließen.
Aber wo lassen wir den Schlüssel?, fragte Gabriel.
Michael:
Wir müssen ihn verstecken. An einem Ort, wo ihn die Menschen nicht finden.

Einer der Engel schlug vor:

Wir könnten den Schlüssel im Meer versenken.

Darauf Gott:

Ich kenne die Menschen, sie werden Ihn finden.''

Ein anderer Engel:

Dann verstecken wir Ihn im Schnee der höchsten Berge.

Gott:

Sie werden ihn finden.

Der Engel Esekiel, der auch ein moderner Engel ist:

Wir schießen ihn in den Weltraum.

Gott:

Sie werden ihn finden.

Da meldete sich Gabriel:

Ich hab's gefunden. Wir verstecken den Schlüssel im Herzen der Menschen.

Darauf Gott:

Ja, lass uns das tun, sie finden ihn leichter im Meer und im Weltraum als in ihrem eigenen Herzen, aber wenn sie ihn dort finden, dann sollen sie ihn auch benutzen dürfen.


Zitate zum Thema Zen

  • Zen ist eine praktische Lehre und keine Sache intellektueller Erklärungen. Würde man mich fragen, was Zen eigentlich lehrt, so müsste ich der Wahrheit gemäß antworten: «Zen lehrt, dass es nichts zu lehren gibt.» Zen ist die allereinfachste und zugleich allerschwierigste Sache der Welt. Aber da die Menschen alles mit dem Kopf machen wollen, haben sie sich den Zugang zu dieser Einfachheit selbst verbaut. Hinter jeder Antwort, die wir mit den Mitteln des unterscheidenden, begrifflichen Denkens gefunden haben, erhebt sich eine neue Frage, und je mehr wir auf das Ziel zugehen, umso mehr entfernen wir uns von ihm. Zensho W. Kopp, Zen und die Wiedergeburt der christlichen Mystik, S. 109 f., Schirner Verlag, Darmstadt, 2004
  • Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser tragen. Weisheit des Zen-Buddhismus


Zitate (engl.) zum Thema Zen


Literatur

  • Paul Reps (Hrsg.), Ohne Worte – ohne Schweigen: 101 Zen-Geschichten und andere Zen-Texte aus 4 Jahrtausenden, 7. Aufl. Barth, Bern u.a. 1989
  • Daisetz T. Suzuki, Satori. Der Zen-Weg zur Befreiung, O. W. Barth Verlag München, 1987


Externe Weblinks

  • Wikipedia-Einträge Zen


Interne Links

Hawkins